Wenn Nachbarn plötzlich nicht mehr grüßen

Saarbrücken. "Wen sollen wir heute hassen? Wer ist heute anders?" Riva und ihr älterer Bruder Andrea verstehen die Welt nicht mehr. Sie scheint unterzugehen, von einem Tag auf den andern. Plötzlich ist alles schrecklich. Als ob etwas oder jemand die Atmosphäre vergiftet hätte. Die Nachbarn grüßen nicht mehr. Die Lehrerin schickt die Geschwister aus dem Unterricht nach Hause

Saarbrücken. "Wen sollen wir heute hassen? Wer ist heute anders?" Riva und ihr älterer Bruder Andrea verstehen die Welt nicht mehr. Sie scheint unterzugehen, von einem Tag auf den andern. Plötzlich ist alles schrecklich. Als ob etwas oder jemand die Atmosphäre vergiftet hätte.Die Nachbarn grüßen nicht mehr. Die Lehrerin schickt die Geschwister aus dem Unterricht nach Hause. Und schließlich müssen die beiden mit ihren Eltern sogar aus ihrem Heimatland fliehen und mit ansehen, wie ihr Vater auf der Flucht ermordet wird.

Wo das passiert und warum das so ist, darauf gibt das Stück "Fluchtwege" (ab neun Jahren), das am 4. November im Theater Überzwerg Premiere hat, keine Antwort. Man kann nur mutmaßen: ein Bürgerkrieg? Offenbar reicht es, irgendwie anders zu sein, anders zu denken oder anders auszusehen, um ausgegrenzt, beleidigt, unterdrückt und verfolgt zu werden. Das bekommen Riva und Andrea als Asylbewerber auch in dem Auffanglager in Deutschland zu spüren: Es ist schwer, sein vertrautes Zuhause zu verlieren, in der Fremde heimisch zu werden und Freunde zu finden. Davon erzählt das Zwei-Personen-Stück im raschen Wechsel zwischen Erzählung und Darstellung, zwischen gespielten Rückblenden und aktuellen Szenen.

Es inszeniert der 1973 in Saarbrücken geborene Frank Engelhardt, der damit nach "Arm, aber sexy" (2009) seine zweite Regie-Arbeit abliefert. Engelhardt, der sich in Saarbrücken unter anderem mit Paul Shiptons Insektenkrimi "Die Wanze" eine große Fangemeinde erspielt hat, war Mitglied des Überzwerg-Jugendclubs und absolvierte nach seiner Elevenzeit am Überzwerg ein Schauspielstudium an der August-Everding-Akademie München. Danach war er acht Jahre lang Ensemblemitglied des renommierten Berliner Grips-Theaters und arbeitet seit Sommer 2007 als freier Schauspieler - unter anderem stand er bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth und den Überzwerg-Produktionen "Mütter" und "Faust. Ein Western" auf der Bühne und hat im Frühjahr 2012 einen Gastspiel-Vertrag am Wiener Theater der Jugend.

In "Fluchtwege" legt Engelhardt das Augenmerk nun insbesondere auf das Zusammenspiel der beiden Darsteller Eva Coenen und Nicolas Bertholet, die bei hohem Tempo in verschiedene Rollen schlüpfen. "Fluchtwege" stammt aus der Feder des englischen Schauspielers, Regisseurs, Journalisten und Lehrers Nick Wood, der unter anderem regelmäßig mit Schülern und Studenten in Theaterprojekten zusammenarbeitet. Mit seiner exemplarischen, aus Kindersicht erzählten Geschichte einer Flucht möchten die Überzwerge nicht nur junges Publikum anstupsen, über Toleranz nachzudenken. kek

Premiere: Freitag, 4. November, 19.30 Uhr, Theater Überzwerg, Erich-Kästner-Platz 1 in St. Arnual. Karten: (06 81) 95 82 83-0.

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