Wenn im Jobcenter die Bürokratie das Sagen hat

Saarbrücken · Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Die Armen bleiben oft unbeachtet. Um das zu ändern, diskutierten der Buchautor Dieter Gräbner und Werner Müller von der Arbeitskammer anlässlich der Buchvorstellung über Hartz IV und Altersarmut.

"Wir reden über Hartz IV, aber niemand kennt die Situation der Betroffenen", sagt Dieter Gräbner, Autor des Buchs "Hartz IV - der soziale K.o." und ehemaliger SZ-Redakteur. Der Zahl von 2,7 Millionen Betroffenen will er Gesichter geben. So schildert er in seinem Buch die Lebenswege von 28 Hartz-IV- Empfängern, "die in den Strudel Hartz IV hineingezogen wurden und sich nicht mehr herausziehen können". Am Mittwoch stellte er sein 192 Seiten umfassendes Werk im Saarbrücker Rathaus vor. Ein Jahr hat er recherchiert, ist durch ganz Deutschland gereist, um mit Betroffenen zu sprechen. Das Thema ist für ihn zur Herzensangelegenheit geworden. Vorgetragen hat er es nicht ganz so herzlich. 45 Minuten las er den 30 bis 40 Zuhörern vor, schnell und oft monoton. Er zitierte komplexe Formulierungen aus den Hartz-IV-Vorschriften - und stellte dann die rhetorische Frage: "Alles verstanden?" Laut und aufgebracht wurde Gräbner, als er auf die Jobcenter zu sprechen kam: "Es gibt Jobcenter , wo die Bürokratie das Sagen hat."

Die deutsche Bürokratie - darum drehte sich auch vieles im anschließenden Vortrag von Werner Müller , Leiter der Abteilung Gesellschaftspolitik der Arbeitskammer, sowie in der Diskussion mit den Gästen. "Wenn immer nur an Regeln herumgedoktert wird, kommen wir nicht weiter", sagte Wolfgang Edlinger aus dem Publikum. "Ein verrücktes Spielchen" nannte er die Situation. Klar sei, die Altersarmut sei da und müsse bekämpft werden, ob über die Rente oder auf anderem Weg. Doch so wie die Rentenpolitik derzeit aussehe, fördere sie die Altersarmut , erklärte Müller in seinem Vortrag über die steigende Armutsquote älterer Menschen. Ideal sei nach seiner Auffassung eine einheitliche Rentenversicherung für alle Erwerbstätigen. Weil das aber in naher Zukunft nicht umzusetzen sei, müsse zeitnah an mehreren Stellschrauben gedreht werden. Insbesondere in Bezug auf Frauen, die überwiegend von Altersarmut betroffen seien, so Müller.

"Unser jetziges System ist zu steif für die Gesellschaft", sagte eine Frau aus dem Publikum. Vor allem fehle das Mitgefühl für die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, meinte Edlinger. "Jeder Mensch ist es wert, dass er eine Würde hat", erklärte Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD ) zustimmend.

Und wo trifft man die Menschen, deren Geschichten Gräbner in dem Buch erzählt? "Gehen Sie die Bahnhofstraße rauf und runter. Da treffen Sie mindestens zehn von ihnen", sagt er.

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