Wenn einer eine Kirche baut

Santa Cruz/Saarbrücken. Die nackten Kirchenmauern stehen in der sengenden Sonne im bolivianischen Tiefland und werfen nur wenig schützenden Schatten. Den spendet der Gemeinde San Luis noch ein Dach aus Palmenzweigen, nur einige Meter von der Baustelle entfernt

Santa Cruz/Saarbrücken. Die nackten Kirchenmauern stehen in der sengenden Sonne im bolivianischen Tiefland und werfen nur wenig schützenden Schatten. Den spendet der Gemeinde San Luis noch ein Dach aus Palmenzweigen, nur einige Meter von der Baustelle entfernt. Dort feiern 50 Katholiken mit Pfarrer Erwin Graus aus Losheim die Messe - 60 Kilometer von Santa Cruz mit seinem internationalem Flughafen entfernt.

Seit März 2008 existiert San Luis, sagt Pfarrer Graus nach dem Gottesdienst. Eine Gemeinde im Aufbau leitet der letzte in Bolivien aktive Priester aus dem Bistum Trier nun, der zuletzt von 1999 bis 2005 in Saarbrücken in St. Mauritius und St. Jakob gewirkt hat - unter anderem in der Gemeinde, wo 2003 die Pfarrkirche Sankt Mauritius für profan (weltlich) erklärt worden war, weil kein Geld für eine Sanierung da war.

"Si - Ja", es sei stellvertretend für den Zustand beider Landeskirchen, wenn er in Deutschland eine Kirche zu- und in Bolivien eine aufmacht, sagt Graus. "Der Grundwasserspiegel des Glaubens ist zurückgegangen", analysiert er die Situation seiner Kirche in Deutschland und: "Wir sind im Umbruch in Deutschland." In San Luis ist er im Aufbruch - fünf Prozent Bevölkerungswachstum erlebt er in seiner Gegend derzeit. Die Menschen kommen aus dem ärmeren Hochland, suchen ein Auskommen und eine Heimat für ihren Glauben. In San Luis, einer Gemeinde mit 16 Orten, leben 19 000 Menschen, 16 000 davon sind katholisch.

Die Aufbauarbeit ist dennoch kein Selbstläufer: "Wir haben sehr viele Sekten hier", sagt Graus. Diese suchen über soziale Arbeit und direkte Ansprache den Zugang zu den Menschen. Erstere ist der Kirche nicht fremd - in San Luis leiten Schwestern beispielsweise ein staatliches Krankenhaus. Dass Mission auch Hausbesuche beinhaltet, ist hingegen, zumindest für deutsche Verhältnisse, ungewohnt. Graus: "Die Gemeinde selbst muss in die Bewegung der Mission mit hineingenommen werden." Konkret bedeutet das: "2008 haben wir angefangen mit 50 Erwachsenen und sind von Haus zu Haus gegangen - und am Ende waren wir über 90", sagt Pfarrer Erwin Graus und er beschreibt weiter: "Anfangs mussten wir erstmal aufklären: Ja wir sind katholisch, die Menschen hielten uns für evangelische Christen."

Im Hintergrund dieser Gemeindearbeit durch engagierte Katecheten als Glaubensvermittler steht die Idee, dass der persönliche Kontakt den Glauben lebendig hält - etwa organisiert in Basisgemeinden als kleinen kirchlichen Gemeinschaften, in denen mehrere Familien zueinander Kontakt halten. "Beziehungsarbeit" nennt das Graus und spricht von einem Ort, "wo man sich nicht aus dem Weg gehen kann - das ist wichtig, dass es eine Auseinandersetzung geben kann mit dem Leben und dem Glauben."

"Gott will in meinen Augen, dass wir die Möglichkeiten entwickeln, die er uns geschenkt hat. Dass man keine Angst hat, dass eine Befreiung stattfindet. Die Erfahrung zeigt, wer nicht rausgeht, der kann nicht wachsen", sagt Graus macht eine kurze Pause, dann: "Christsein braucht dieses Rausgehen." Für den Priester ist das "ein Grundmodell der Kirche".

Und was bedeutet der Kirchenbau? "Ein Bau macht keine Gemeinde aus, aber es ist wichtig, sichtbare Zeichen zu setzen." Das wächst in San Luis auch mit Hilfe von saarländischen Spenden - Graus sagt jedoch: "Die Kirche muss schwerpunktmäßig bezahlt werden von Leuten, die sie nutzen."

Knapp 200 000 Euro werden Kirche, Zentrum und das Areal kosten. 2010 soll die Kirche fertig werden und 2011 das Zentrum. Steht das Gebäude, erfährt die Gemeindearbeit auch weitere Impulse etwa durch ein Haus für Naturmedizin, das ebenfalls auf dem Gelände gebaut wird. Dort soll eine jetzt schon angebotene Naturmedizin-Ausbildung ausgebaut werden. Weitere Ideen nicht ausgeschlossen. Graus: "Hier ist ein offener Raum, wo man noch gestalten kann. Die Sachen sind nicht so eingefahren, das ist ein Vorteil und ein Nachteil."

Auf einen Blick

Die Partnerschaft zwischen dem Bistum Trier und der katholischen Kirche in Bolivien besteht bereits seit 50 Jahren. Den Anstoß gab der aus Püttlingen stammende bolivianische Bischof und spätere Kardinal Clemente Maurer. Jährlich gehen etwa eine Million Euro nach Bolivien, unter anderem aus der Kleidersammlung der Katholischen Jugend. 2010 erfährt das Jubiläumsjahr einen Höhepunkt während der Heilig-Rock-Tage in Trier, die Mitte April stattfinden werden. Die Jubiläumsfeiern zur Partnerschaft dauern noch bis Oktober des neuen Jahres. pg

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