Wenn Ehre für Verbrechen herhält

„Gewaltdelikte und das Motiv der Ehre“ war der Titel des Vortrages, den die Anwältin Esma Çakir-Ceylan am Freitag im N.N.-Raum im Nauwieser Viertel hielt. Veranstalter war der Deutsche Juristinnenbund.

Im Zug nach Saarbrücken - so berichtete die Düsseldorfer Anwältin Esma Çakir-Ceylan - habe sie begonnen das druckfrische, 50-seitige Richterurteil ihres letzten großen Falls zu lesen: Ende 2012 machte der Fall Reyhan C. bundesweit Schlagzeilen. Die damals 20-Jährige war in Hilden Opfer eines heimtückischen Säureanschlags geworden. Seitdem ist die junge Frau entstellt. Wulstige Narben am Hals und Gesicht bereiten ihr "fürchterliche Schmerzen; sie trägt Tag und Nacht einen Kompressionsanzug", dazu kommt die psychische Belastung, beschrieb die Anwältin, die bei dem Prozess das Opfer vertrat. Das Düsseldorfer Landgericht sprach den Ex-Freund (23) als Drahtzieher der Tat der schweren Körperverletzung schuldig und verhängte eine Haftstrafe von fünf Jahren und sieben Monaten. Sein Handlanger und Komplize (19) wurde zu dreieinhalb Jahren Jugendhaft verurteilt. "Wir haben mehr beantragt", betonte Çakir-Ceylan. Dass es den jungen Tätern nicht zuzumuten sei, eine noch längere Haftstrafe abzusitzen, sieht die Anwältin anders und will in Revision gehen: Denn "meine Mandantin wird täglich an die Tat erinnert. Für den Rest ihres Lebens". In dem Urteil, das sie überflogen habe, sei von dem "Motiv der Ehre" keine Silbe erwähnt worden, "obwohl der Täter Verhaltensweisen an den Tag" gelegt habe, die darauf schließen ließen, dass er sich nach der Trennung in seiner Ehre verletzt gefühlt habe. Ein Argument der Strafmilderung - wie beispielsweise psychopathologische Störungen der Täter - sei das Motiv der "Ehre" jedoch nicht. Im Gegenteil: Die Anwältin fordert bei Gewaltdelikten wie "Ehrenmord" eine Strafverschärfung. Bei "Ehrenmorden" sei die Niedrigkeit der Beweggründe im Gesetz verankert. Das müsse auch bei anderen Gewaltdelikten gelten und "als besonders verwerflich festgestellt werden". "Denn wenn wir so argumentieren", sagte die Juristin, "dass die Ehre und der Kontext aus dem der Täter kommt, immer strafmildernd berücksichtigt werden, verschließen wir Augen, was die Gewalt an den Frauen angeht." Der Fall von Reyhan C. war einer von vielen, die Çakir-Ceylan bei ihrem Vortrag "Gewaltdelikte und das Motiv der Ehre - soziokulturelle Hintergründe und Erklärungsansätze" am Freitagabend im N.N.-Raum im Nauwieser Viertel vorstellte. Veranstalter war der "Deutsche Juristinnenbund". Çakir-Ceylan hat über "Gewalt im Namen der Ehre" promoviert. Sie sagt: Eine erhebliche Zahl der Gewaltdelikte im Namen der "Ehre" werde in Deutschland von türkischstämmigen Männern verübt. Obwohl Ehre in Deutschland etwas anderes bedeute als in der Türkei.