Weltgeschehen auf der Bühne

Sie sind aus Syrien und Eritrea geflohen. Jetzt machen sie in Saarbrücken Theater. Eugen Georgs Guerillatheater zeigte im Theater im Viertel die Collage „Morgen wird schöner“.

Zwei Menschen liegen auf dem Boden, ein Mann und eine Frau. Sie scheinen zu schlafen, friedlich und ruhig, nebeneinander, bis sie aufwachen und sich zu unterhalten beginnen. "Es fällt einem nicht schwer durchzudrehen, in dieser Welt heutzutage." Der Satz hallt im Theater im Viertel (TiV) wider. Vor ausverkauftem Haus hat das Stück "Morgen wird schöner" von Eugen Georg (Regieassistenz: Nouh Hammami) begonnen. Ein Theaterprojekt über Neuanfang und irgendwie auch über Europa, mit Amateurschauspielern, die größtenteils aus Syrien und Eritrea migriert sind. Guerillatheater nennen sie sich.

Szenenwechsel, zwei "utopische Gestalten" (Maryam Farahany und Rita Martin) betreten die Bühne. In ihren Malerschutzanzügen wirken sie beinahe steril. Ihre Botschaft: Kritik. Am bestehenden System etwa, an Regierung oder den Medien. Es sind zwei Stimmen, die Volksmeinungen vertreten, Probleme und Ängste aussprechen. "Liebes Publikum, wir haben auch keine Lösungen. Aber was sollen wir denn tun?" Die "utopischen Gestalten" schlendern über die Bühne, das Publikum wandert geistig mit. "Bedenkt, dass ihr ein Konstrukt seid."

Eine Künstlerin im weißen Kittel und mit Pinsel in der Hand philosophiert über Freiheit, Bindung, Angst, Wut - solange, bis ein Militär zu ihr kommt, ihre Gemälde betrachtet und schließlich handgreiflich wird. Er verwüstet das Atelier und gibt erst Ruhe, als der kleine blonde Sohn der Künstlerin zwischen ihn und seine Mutter tritt. "Ich bin kein Kind mehr, ich habe meine Kindheit wegen euch zurückgelassen."

Die Atmosphäre im Publikum ist gespannt, Beklemmung ist zu spüren. Auch die Amateurschauspieler wirken mitgenommen, ganz in der Szene gefangen.

Realistisch auf die Bühne bringen, was woanders Alltag ist, das ist das Ziel der Gruppe um Regisseur Eugen Georg. Und es ist ihr bis ins kleinste Detail gelungen.

"Fuck the system" steht auf dem Shirt eines Schauspielers (Hosam Shalash). Aber: "Ich glaube, man kann nicht ohne System leben. Wir brauchen eine Struktur", fordert er. Eine wohldurchdachte Struktur will er. Weder wie die in Syrien, noch eine solche wie in Europa.

"In Syrien sind die Menschen Hunde an der kurzen Leine, in Deutschland sind die Menschen Hunde an der langen Leine." Manches ist unbequem, was an diesem Theaterabend passiert und gesagt wird. Kampfszenen, aber auch Rezitationen aus Werken von Nietzsche und Adorno fordern Publikum und Schauspieler .

Warum Menschen aus ihren Häusern, Dörfern und Städten geflohen sind und was sie sich hier erhoffen - das zeigen die Amateurschauspieler ihrem Publikum im TiV ganz unmittelbar. Mit viel Spielfreude, Leidenschaft und textsicher zeigt Georgs Ensemble sein Können. Topaktuelles Weltgeschehen intelligent umgesetzt und dabei allerlei relevante Fragen aufgeworfen. So darf, so muss Theater sein!

dasguerillatheater .

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