Weg zur Wunsch-Stadt ist weit

Ein Dokumentarfilm auf den Spuren des Stadtplaners Jan Gehl entfachte im Kino Achteinhalb eine lebhafte Diskussion. Das Publikum war berührt vom bildgewaltigen Plädoyer. Den Experten war es zu plakativ.

Ulrich Pantle, Christian Holl und Stefan Ochs (von links) diskutierten im Kino Achteinhalb über den Architekturfilm.Foto: Rich Serra. Foto: Rich Serra

Das Kino Achteinhalb war am Dienstagabend bis auf den letzten Platz besetzt, als der dänische Dokumentarfilm "The Human Scale" von Andreas M. Dalsgaard lief. Im Film begleitet Dalsgaard den Architekten und Stadtplaner Jan Gehl bei seiner Arbeit, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Innenstädte wieder lebenswert und attraktiv zu machen. Dabei soll der Mensch wieder das Maß werden. Sein Film ist ein Aufruf für mehr Fußgängerzonen, verkehrsberuhigte Areale und zur Vermeidung von Hochhäusern. Ein interessantes Thema, auch für die Bewohner von Saarbrücken. Daher fand nach der Filmvorführung eine Podiumsdiskussion statt, in der Professor Ulrich Pantle, Architekt und Professor an der Hochschule für Technik und Wissenschaft des Saarlandes (HTW), Christian Holl (Freier Autor und Architekturkritiker aus Stuttgart) und Professor Stefan Ochs (Architekt und Professor an der HTW des Saarlandes) sich über den Film auseinandersetzten. "Die Bilder des Films sind sehr schön, er ist visuell prima gemacht, fast schon wie ein Reklamefilm", sagte zu Beginn Stefan Ochs. "Aber was mich stört, ist, dass Jan Gehl Schwarz-Weiß-Malerei betreibt. Das Auto ist böse, ohne Auto ist alles gut", fügte er hinzu. Auch Christian Holl meinte, dass viele in dem Film gezeigten Elemente der heutigen Stadtplanung nicht von Jan Gehl stammen, sondern Allgemeingut sind. "Fußgängerzonen gab es auch ohne ihn, die werden bereits seit 40 Jahren eingerichtet". Auch die Bevölkerung an den Plänen der Umgestaltung von Städten zu beteiligen, sei keine neue Idee. Einen Lacher hatte Ulrich Pantle auf seiner Seite, als er ein Statement des Films - Vorortsiedlungen würden zu Fettleibigkeit führen - überspitzte, indem er sagte, "da hat das Wort ‚Speckgürtel' der Städte eine ganz neue Bedeutung".

Mittlerweile war deutlich geworden, dass den drei Stadtplanern auf dem Podest der Film in vielen Bereichen zu flach war. Spannend wurde es, als sich erste Stimmen aus dem Publikum meldeten, die das ganz anders sahen. "Mir hat der Film sehr gut gefallen, ich bin noch ganz überwältigt von den Bildern", war zu hören. Auch: "Ich habe viel Neues in Sachen Stadtplanung gesehen und gehört". Stefan Ochs erwiderte daraufhin, dass der Film sich viel mit Mega-Citys beschäftige, dass wir hier ganz andere Probleme in der Stadtplanung hätten. "Wir erleben ja bereits die Renaissance der Stadt. Uns werden die Überalterung der Gesellschaft und der demographische Wandel in den nächsten Jahren beschäftigen. Und das kommt in dem Film gar nicht vor. Der Film setzt sich zu viel mit den Problemen in Asien auseinander". Christian Holl nahm unsere Hochhaussiedlungen in Schutz und meinte, "in Frankfurt lieben die Kids die Skyline" und forderte mehr Respekt den Menschen gegenüber ein, die dort wohnen. Er bemängelte auch, dass die Rolle der zuständigen Politik in dem Film gar nicht beleuchtet wurde. Und Ulrich Pantele zog den Schluss - auch im Hinblick auf die unterschiedliche Meinung des Publikums - "Stadtplanung bedeutet immer auch Konflikt. Die Utopie der schönen Stadt bleibt eben eine Utopie".

"The Human Scale" ist heute, 20 Uhr, noch einmal im Kino Achteinhalb in der Nauwieser Straße 19 zu sehen.

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