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Weg vom reaktionären Image

Peter Wagner (links) und Sebastian Ambos von der Saarbrücker Germania. Foto: Dustin Weis
Peter Wagner (links) und Sebastian Ambos von der Saarbrücker Germania. Foto: Dustin Weis FOTO: Dustin Weis
Saarbrücken. Dieser Tage hat sich in Jena die „Allgemeine Deutsche Burschenschaft“ gegründet. Der neue Dachverband will raus aus der rechten Image-Ecke. Wie, das macht die Saarbrücker „Germania“ vor, die den neuen Verband führt. Cathrin Elss-Seringhaus

Ehre, Freiheit, Vaterland - der Wahlspruch der neuen Dachorganisation, die sich am vergangenen Wochenende in Jena gründete, klingt so historisch angestaubt oder gar rechtsnational, wie sich das Otto Normalbürger für Burschenschaften so vorstellt. Denn wer liest schon Satzungen? Die der neuen "Allgemeinen Deutschen Burschenschaft" (ADB; 27 Verbindungen, 3600 Mitglieder) befreit den Begriff des Deutschseins vom Abstammungs-Zwang ("Arier-Nachweis"), der für die Mehrzahl der Burschenschaften noch gilt. Das deutsche Volk definiert sich für die ADB "durch deutsche Sprache, Kultur und Wertvorstellungen". Auch findet sich ein Bekenntnis zu einem "Eintreten für ein einiges Europa". Oder aber es heißt, "rassische, religiöse, weltanschauliche und Standesvorurteile sind mit den Grundidealen der Burschenschaft nicht vereinbar." - Brauner Sumpf klingt anders.


Antiquierte Begriffe bleiben



Zugleich ist häufig vom "deutschen Volk" die Rede - ein antiquiert wirkender, diskreditierter Begriff. Und immer noch tragen auch die neuen Burschenschafter bei offiziellen Auftritten Montur - weißes Hemd, Mütze und ein Band in Nationalfarben -, sprich sie sehen ziemlich verkleidet aus. Es wird also nicht leicht für die ADB. Sie will sich als liberaler, offener, fortschrittlicher Verband profilieren, der antritt, um den Image-Trümmerhaufen wegzuräumen, den die große Dachverbands-Schwester, die "Deutsche Burschenschaft " (69 Verbindungen, 7000 Mitglieder), hinterlassen hat. Etwa durch die Forderung nach einer Rückgewinnung der deutschen "Ostgebiete" oder diskriminierende rassistische Attacken.

"Klamauk" nennt das Sebastian Ambos: "Wir haben ein Problem mit dem Bild, das über uns herrscht." Der Saarbrücker Ambos ist stellvertretender Vorsitzender der ADB. Er gehört zur schlagenden und farbentragenden Verbindung "Germania", die 85 Mitglieder hat. Bereits 2003 verließ sie die Deutsche Burschenschaft , in Jena bekam sie den Zuschlag für den ADB-Vorsitz, der jährlich wechseln wird. Die Saarbrücker haben allerdings das Privileg, Zukunfts-Strukturen und Profil des Verbandes zu prägen. Sie geben der ADB ein Gesicht. Ihres? Es ist ein weltoffenes, politisch buntes und munteres, folgt man den Ausführungen von Ambos und des "Germania"-Sprechers Peter Wagner. Der sagt: "Wir sind kein verschworener Haufen hinter verschlossenen Türen." Alle Veranstaltungen im Verbandshaus in der Saarbrücker Bismarckstraße stünden allen Bürgern offen. Das klingt wie ein "Hereinspaziert!". Wagner hat einen "Migrationshintergrund", stammt aus einer rumänischen Familie. Ambos fühlt sich den Piraten zugeneigt. Für beide ist Deutschland "eine Kulturnation, der man beitreten kann".

Laut Ambos hat sich die ADB auch deshalb formiert, um Entscheidungsstrukturen aufzubrechen, den Mitgliedern mehr Autonomie zu ermöglichen, gerade auch beim Umgang mit der Öffentlichkeit. Zugleich ist den Saarbrückern wichtig, sich nicht als Protest-Bewegung gegen die Deutschen Burschenschaft zu definieren, wie es die Neue Deutsche Burschenschaft (NDB) 1996 getan hat. Der ADB-Gründung sei ein intensiver dreijähriger Austausch über Ziele vorausgegangen.

Parteipolitische Neutralität zählt zu den "Germania"-Grundsätzen. In ihren Reihen vermisst man Linke und Grüne, doch Freie Wähler , CDU , SPD , FDP und AfD seien vertreten, heißt es. Ambos betont, man fördere den politisch kontroversen Diskurs durch Vorträge und halte die studentischen Mitglieder an, sich politisch aufzuschlauen. Sein Hauptziel für die ADB: "Wir wollen als Teil der Gesellschaft anerkannt werden."

Hatz auf Burschenschafter

Wie weit dieser Weg noch ist, hat er gerade erfahren. Ambos trägt ein Veilchen im immer noch geschwollenen Gesicht. Während der Gründungs-Feierlichkeiten prügelte ein Mann mit den Worten "Bist du ein Nazi?" auf ihn ein. Andere Bundesbrüder seien von Baseballschläger schwingenden Typen bedroht oder mit Glasflaschen beworfen worden. In Deutschland sei eine Hatz auf Burschenschaftler im Gange, sagen Wagner und Ambos. Warum setzt man sich dem aus? "Weil man Ideale hat."