Was ist der Mensch ohne Menschen?

Ein berührendes Theater-Experiment spielt Jessica Sinapi in einem Stück von Eveline Sebaa im Theater im Viertel. Untersucht wird, wie ein Mensch leben kann, wenn er plötzlich der einzige auf der Welt ist.

Was denkt man, wenn man feststellt, dass man ganz alleine ist? Was sagt man, und mit wem redet man? Und "ganz alleine" heißt hier, dass kein anderer Mensch mehr lebt, und dass man die Hunde beneidet, die sich zusammenrotten und die Möglichkeit haben, sich ihresgleichen anzuschließen. Diese Situation erlebt man in dem eindringlichen Ein-Personen-Stück "Herma, die Frau ohne Flügel", das jetzt im Theater im Viertel (TiV) Premiere hatte. Es stammt von Eveline Sebaa, einer jungen Regisseurin, die im Jahr 2008 in Köln das Theaterprojekt "TZSQ in mollnatur" gründete. Mittlerweile wohnt sie in Saargemünd. Ihre Darstellerin Jessica Sinapi, die die Helma spielt, lebt in Bonn und ist Ensemblemitglied des "TZSQ in mollnatur". Für beide ist es die erste Produktion in Saarbrücken . Und die hat es in sich.

Beklemmend, intensiv, manisch, in Ritualen und Wiederholungen gefangen, manchmal wütend und verzweifelt, stellt Jessica Sinapi Herma dar. Die Bühne ist ihr enges Heim, das sie nicht verlässt, wenige Requisiten wie alte Zeitungen, ein Stuhl oder ein Umhang reichen aus, um die Leere ihrer Welt darzustellen. Im Hintergrund werden auf eine Leinwand Filme projiziert, die in schneller Abfolge alltägliche Szenen zeigen. Ein normales Leben, das wie Traumfetzen oder aufblitzende Erinnerungen das Stück intensivieren. Ein Leben, das für Herma aber nicht mehr existiert. Auch diese Filme stammen von der Regisseurin Eveline Sebaa.

Warum Herma der anscheinend letzte noch lebende Mensch ist, erfährt der Zuschauer nicht. Die Katastrophe, die die Menschheit ausgerottet hat, kommt nicht vor. Das ganze Stück ist darauf konzentriert, wie ein Mensch in solch einer Situation noch funktioniert und kommuniziert. Und das beeindruckt. Jessica Sinapi spielt Herma mit solcher Intensität und vollem Körpereinsatz, dass es berührt. Die Wiederholungen ihrer Handlungen, ihre festgelegten Rituale, und die wiederkehrenden Sätze offenbaren ihre Verzweiflung, ihre Einsamkeit. Wenn sie ihre alten Zeitungen liest, kann sie die Texte auswendig. Und wenn sie einen Witz macht und darüber kichert, wird er zur Farce, da auch der wiederholt wird. Ihre Gespräche zwischen Selbstvergewisserung, Ermunterung und Verzweiflung zeigen, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn das Gegenüber fehlt. "Herma, die Frau ohne Flügel" wird am Freitag, 18., und Samstag, 19. September, jeweils um 19.30 Uhr, wieder im TiV am Landwehrplatz gespielt. Karten im Internet unter www.dastiv.de oder Tel. (06 81) 3 90 46 02.