Warum mir so schwätze, wie mir schwätze

Der Dicke nach ist es auf jeden Fall das ultimative Buch über unsere Mundart(en). Und gewiss auch eines der unterhaltsamsten. Heute wird Gerhard Bungerts Wälzer „Saarländisch – so schwätze und schreiwe mir“ in Spiesen-Elversberg und morgen dann auch in Saarbrücken vorgestellt.

Zum Einstieg mal 'ne Frage: Wie kommt man bloß auf die absurde Idee, 700 Seiten über etwas zu schreiben, was es streng genommen gar nicht gibt? Das "Saarländisch" nämlich, welches Gerhard Bungert jetzt so umfassend erklären will wie keiner je zuvor, taugt ja vielleicht als Etikett für das, was Dudenhöffer-Fans "im Reich" gerne von uns hören möchten: "Können Sie auch so lustig reden wie dieser Heinz Becker?" "Nää!"

Eventuell hilft es auch als Klammer für Dutzende manchmal schon von Ortsteil zu Ortsteil wechselnde Zungenschläge. Wobei hiesige Mundartfreunde penibel zwischen mosel- und rheinfränkischen Einflusssphären trennen. "Isch" mit dickem "sch", sagt etwa der rheinfränkisch gestimmte Saarländer, meint er sich selbst, "eisch" hingegen der moselfränkische. Die "Freck" allerdings "hann" beide, wenn mal die Nase trieft.

So finden sich eben auch etliche Gemeinsamkeiten, dachte der fast 68-Jährige (am närrischen 11.11. hat er Geburtstag, wenn das kein Zeichen ist), als er sich an sein Großwerk machte. Mag sein, dass da auch die Distanz zur alten Heimat diese Erkenntnis beflügelte. Lebt der Schriftsteller und Journalist, mit seinem 1980 erschienenen "Fauschd. Goethes Urfaust auf Saarländisch" ein früher Profi im kommerziellen Saarländern, doch mittlerweile überwiegend in Südfrankreich.

Aber natürlich weiß Bungert, selbst ein stolzer "Spießer Bub", auch um die kleinen, aber doch so wichtigen Unterschiede. Der studierte Kulturwissenschaftler und frühere Wahlkampfmanager von Oskar Lafontaine verfasste schließlich reichlich Regionalgeschichtliches und pushte mit seinen Heimatbänden auch das Selbstbewusstsein der Saarländer. Nicht literarisch-experimentell wie Alfred Gulden oder der bei aller Erdung im Hasborner Winkel stets gedankenvirtuose Johannes Kühn . Aber Herz und vor allem Bauch vieler Saarländer erreichte Bungert; das "Lyoner-Buch" und etliche Kochbücher stammen ja auch aus seiner Feder.

Er selbst, sagt er übrigens, lernte als "erste Fremdsprache Deutsch". Muttersprache war ihm aber das, was er "dehemm" hörte. Und spätestens, als er als Bub bei seinem Opa in Sotzweiler die Frage hörte: "Bischd dau em Naumes Perer sei Märe sei Bou?", keimte das Interesse, sich irgendwann auch mit den syntaktischen Kapriolen hiesiger Wortakrobaten zu beschäftigen.

So gesehen ist sein neues Buch auch so etwas wie das Resümee seines jahrzehntelangen Tuns. Sein "700-Seiten-Schinken", so Bungert, "als Nicht-Vegetarier habe ich keine Probleme damit", ist im Kern ein riesengroßes Glossar. "Saarländisch" von A bis Z also, von "aanbabbe" (ankleben) bis "zobbele" (zupfen) und mit wunderbaren Sprüchen wie "Du bischd mir de allerschlankschd". Will meinen: "Mit dir geht nichts." Der Beruser Zeichner Bernd Kissel , der Schöpfer der "Saar-Legenden" und des "Saarland-Albums", hat übrigens viele Begriffe und Redewendungen trefflich illustriert.

Wobei Bungert bleibt, was er stets war, ein Autor nämlich, der seine Leser keinesfalls langweilen will. Dementsprechend vergnüglich lesen sich viele seiner Erläuterungen. So könnte man tatsächlich die 700 Seiten einfach durchschmökern, "ei sowas" denken, schmunzeln, auch über Begriffe und Redewendungen stutzen, die man noch nie hörte - oder längst vergessen hatte. Ein Buch zur saarländischen Selbstvergewisserung ist es geworden, gewiss. Und auch voller Sprachlust steckt der Wälzer: Denn wie viel Klang- und Gedankenreichtum verbirgt sich doch in den Mundarten!

Und, als wäre das Sammeln all der Saar-Worte nicht schon Mühe und Fleißarbeit genug gewesen, versucht sich Bungert auch noch in der Einordnung der hiesigen Regionalsprachen. Sein Exkurs holt da zwar ziemlich weit aus, springt zurück bis zu den alten Germanen und zur Völkerwanderung, mäandert aber von der Linguistik immer wieder zum Anekdotischen und verharrt daher bestenfalls beim Anspruch eines sprachwissenschaftlichen Proseminars. Wer daneben etwa die Publikationen der kürzlich verstorbenen Mundartexpertin Edith Braun legt, sich auch ihrer unbestechlichen Akribie erinnert, wird in Gerhard Bungert eher einen Mundart-Schlawiner sehen. Aber einen äußert sympathischen, versteht sich.

Gerhard Bungert : "Saarländisch - So schwätze unn so schreiwe mir", 760 Seiten, 66 Zeichnungen, Geistkirch-Verlag, 34,90 Euro.

Buchvorstellungen: Heute, 19 Uhr, Glückauf-Halle, Spiesen-Elversberg. Der Eintritt ist frei.

10. November, 19.30 Uhr, Buchhandlung Bock & Seip Saarbrücken , Eintritt frei.

abbene: abgeleitet von dem deutschen und saarländischen Wort "ab". Dieses wird im Saarländischen auch als Adjektiv gebraucht für "nicht mehr vorhanden", meistens im Sinne von "amputiert". Das "ab" allein reicht aber nicht aus. Man verlängert es zu dem Kompositum "abbene" und setzt es vor das Substantiv. Das funktioniert ohne Veränderungen für alle drei (grammatikalischen) Geschlechter: der abbene Arm, die abbene Hand, das abbene Bään.

Blookopp: wörtlich: Blaukopf. Abfällige Bezeichnung für einen Protestanten. Das Wort hat seinen Ursprung wahrscheinlich in der Zeit des Kulturkampfes in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts

fuchse: sich ärgern. "Das do fuchst mich awwer jetzt."

gaubse: nörgeln. Eine Lautmalerei: "Heer off se gaubse." Nörgele nicht ständig herum.

Gefillde: "gefillde Knepp" (gefüllte Klöße), eine saarländische Spezialität, die wohl aus Süddeutschland ins Saarland gekommen ist. Das Rezept dazu findet man in jedem guten saarländischen Kochbuch.

Mibbesje: saarländisches Kosewort für die wahrscheinlich von Otto Waalkes kreierte deutsche Wortschöpfung "Schniedelwutz". Man beachte bei der saarländischen Fassung die Verkleinerungsform. Den "Mibbes" gibt es aber selbstverständlich auch. Allerdings kann er sich auf viele Dinge beziehen. Die Hauptsache: Sie sind klein.

O leck!: nun muss ich mich aber sehr wundern. Vornehme und verkürzte Fassung des berühmten Zitats von Johann Wolfgang von Goethe aus seinem Schauspiel "Götz von Berlichingen".

Sackduch: Taschentuch. Als Sack bezeichnet man im Altsaarländischen die Hosentasche, folglich ist das Tuch, welches man überwiegend zum Naseschnäuzen benutzt, das "Sackduch".

Zänkersch: ein weibliches Wesen, meistens mit negativer Einstellung zur Nachbarschaft.