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Wald wird zur Freiluftgalerie

Künstler Igor Michajlow vor seiner Installation, die er bei „Kunst im Wald“ bei Von der Heydt zeigte. Foto: Rich Serra
Künstler Igor Michajlow vor seiner Installation, die er bei „Kunst im Wald“ bei Von der Heydt zeigte. Foto: Rich Serra FOTO: Rich Serra
Saarbrücken. Es gab Haselnusslikör und Schaumstoffmatten, Altgedientes mit neuer Anmutung und Vertrautes in fremder Umgebung: Die Idee, Kunst dem vertrauten Umfeld zu entnehmen, hat verblüfft – und provoziert. Nicole Burkhardt

Was sollen ein Segelschiff, "gebietsfremde Arten" und alte Schaumstoffmatten im Wald? Bereits zum sechsten Mal lud Kunst im Wald, das alternative Kunstereignis, die Besucher ein, dieses und anderes zu erkunden. Das Prinzip: Teilhabe an Kunst, selbst gemachter Kuchen und Gespräche mit den Künstlern.


Matten fügen sich ein

Von Weitem monumental wirkend, stehen horizontal positionierte Schaumstoffmatten zwischen den Bäumen. Gregor Busch ist wie jedes Jahr als Künstler dabei und zeigt an gewohnter Stelle materialschlanke, kleine Zeichnungen, die er auf den Matten befestigt hat. Oft bedient er sich ausgedienter Materialien - so wie heute. Die Matten hat er nach einem Wasserrohrbruch seinem Arbeitsplatz, einer Kletterhalle bei Mainz, entnommen. Sie fügen sich von nahem mit ihren Gebrauchsspuren und Schnittanzeichnungen zu einem stimmigen Gesamtbild in die Arbeit des Künstlers ein.



In ein solches Gesamtbild passen scheinbar seit dem 13. Juli aus Sicht der Europäischen Union eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren nicht mehr. Ulrike und Thomas Schäfer inspirierte diese Radiomeldung zu ihrem Beitrag.

Gedruckt auf weißen Zetteln, die an die Beschriftung in botanischen Gärten erinnern, stehen die Namen aller Lebewesen, welche sich auf der "Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung" finden. Schauplatz all dessen: Der Saarbrücker Urwald als Beispiel wiederhergestellter Natur. Die Denkanstöße führen zu interessanten Gesprächen und Diskussionen, ein wichtiger Teil der Arbeit der beiden Künstler.

Unmittelbar daneben scheinen Plastikkugeln mit organischem Inhalt in den Bäumen zu schweben. An Nylonschnüren hängend, zeigen Anja Petschauers Kugeln Nachbildungen von Blüten aus Zucker . Die Blüten hat sie mühevoll über den Zeitraum von zwei Wochen selbst hergestellt. Für die Künstlerin wirken sie wie "Geister bereits ausgestorbener Pflanzenarten". Der Zucker als Ausgangsmaterial sei eine Verbindung zu Honig und dieser zur Ernährung und wiederum zu ihr selbst.

Zu einem Selfie-Fotowettbewerb ruft Alexander Karle auf: Unter dem Namen "Über Schock und Schein" motiviert er die Besucher, ein Selbstporträt mit dem schönsten Stock des Waldes zu fotografieren. Erster Preis: eine Flasche Haselnusslikör. Humorvoller Seitenhieb auf die Auswüchse unserer Digitalgesellschaft oder einfach Werbung für ein Naturprodukt?

Fäden tanzen im Wind

Ein Produkt des Waldes ist das Holz, aus dem Segelschiffe gebaut werden. "Ein Schiff hat im Wald nichts zu suchen, obwohl es aus Wald gemacht ist", sagt Peggy Hamann, eine französische Künstlerin, welche ihre Arbeit diesmal auf ein einzelnes Gemälde reduzierte. Umso markanter und stärker sticht dieses aufgrund seiner unvermittelten Präsentation sowie seiner markanten Farben heraus. Durch grau tobende Wellen bewegt sich ein Segelschiff aus Fäden auf die Leinwand gestickt durch den neonorangefarbenen Hintergrund.

Dass der Wind die Fäden sich leicht bewegen lässt, zeigt einmal mehr, dass gerade scheinbar unperfekte Ausstellungsbedingungen bei einem sensiblen Umgang damit zu lebendigen und spannenden Wahrnehmungen führen. Nach zirka zwei Stunden endet die kleine Kunstwanderung an dem von allen teilnehmenden Künstlern gemeinsam bestückten Essensstand.

Viele der teilnehmenden Künstler sind auch vor Ort, so dass entspannt über die Arbeiten geredet, nachgefragt und diskutiert wird. Auch Luca Klippel, mit seinen zwölf Jahren der jüngste Teilnehmer, freut sich, seine farbenfrohe Malerei einem Publikum zeigen zu können. Das Bild, auf dem ein Leuchtturm am Meer zu sehen ist, ist sein Lieblingswerk. Malen stellt für Luca eine Form der Entspannung dar.

Zurück per Saarbahn und Rad in den Trubel der Stadt, wird einem erst so richtig die erfahrene Anregung bewusst.