Wald als verblüffende Kunstmeile

Sie wollten ihren Besuchern ein Kunsterlebnis der besonderen Art vermitteln: Saarbrücker Künstler funktionierten den Wald zwischen Kirschheck und Von der Heydt zur Kunstmeile um – und das kam an.

 Einer von Volker Schütz' bemalten Pilzen – dieser ist aus aus Pappe.
Einer von Volker Schütz' bemalten Pilzen – dieser ist aus aus Pappe.
 Flechtobjekt von Markus Dambach.
Flechtobjekt von Markus Dambach.

Auto am Urwaldparkplatz Kirschheck geparkt, zu Fuß hinab nach Von der Heydt marschiert - und nun? Die grünen Blattsymbole auf dem Boden weisen den Weg: Auf einem brombeerbuschgesäumten Trampelpfad gelangt man zum Ausstellungsgelände "Kunst im Wald". Zum dritten Mal haben am Wochenende Künstler verschiedener Sparten einen Rundwanderweg mitten im Forst in eine Galerie mit Malerei, (Klang-) Installationen, Keramiken und Skulpturen verwandelt.

Augen offen halten, lautet die Devise - einige Objekte sind winzig oder wollen entdeckt werden. Unübersehbar sind die merkwürdig bunten Pilze, die einem eingangs vom Geländer einer Holzbrücke entgegenleuchten. Eine skurrile neue Spezies der artifiziellen Art mit dem schönen Namen "11400 Becquerel". Volker Schütz hat Kulturchampignons bunt bepinselt, ihnen teils sogar glitzernde Strasssteine aufgeklebt und sie entlang der Strecke in der Botanik ausgesetzt.

Unter der Brücke werkelt HBK-Student Heegyu Heo, um seine Laut-Installation mit Kinderstimmen anzuknipsen. Danach zückt er Kreide und beginnt, die Planken der Brücke mit Kinderzeichnungen zu bemalen. An der nächsten Wegkreuzung tönt's unheimlich. Bölkt hier irgendwo ein Käuzchen? Woher stammen die Windgeräusche, wo sich doch kein Blatt regt? Und wer spricht da?

Seoryang Kim amüsiert sich über die Reaktionen verstörter Waldspaziergänger, die vergeblich nach der Geräuschquelle forschen: Die HBK-Absolventin hat zwei akkubetriebene Mini-Lautsprecher in Flaschen versteckt und diese nahezu unsichtbar im Laub verbuddelt. "Kinder hören besser zu", hat sie im Lauf des Tages festgestellt. Einige 100 Meter weiter bannen großformatige Tafeln aus Filz oder Flechtwerk das Auge. Eine davon hat Markus Dambach, Initiator der ungewöhnlichen Aktion, spektakulär im imposanten Wurzelgeflecht eines umgekippten Baumes angebracht. Dass kein einziges Kunstwerk der Ausstellung mit dem Namen des Autors signiert ist, gehört zum Konzept: Die Objekte sollen für sich sprechen, die Urheber unsichtbar bleiben. Wer weiter voran will, muss an einer gewaltigen zylindrischen Skulptur vorbei, die schimmernd wie ein Geist aus Eis über dem Weg schwebt.

Mit schwarzer Sprühfarbe hat Igor Michajlow verschiedene Gesichter auf vertikal gespannte weiße Fäden aus Strickgarn gesprayt - der Effekt ist verblüffend. Das Werk ist Teil einer größeren Installation, die Michajlow derzeit am Silo im Osthafen erstellt und die er anschließend auch in der Ukraine zeigen will. Vorbei an Ingrid Kraus' eingemachten Zwergen, schwebenden Kleiderbügeln und Bilderrahmen, einem Monster in einer Obstkiste und Wildtier-Porträts auf baumelnden Vinyl-LPs gelangt man zu einer verspiegelten Picknick-Oase.

Hinter einem Verpflegungszelt musiziert im Laub versteckt das Gitarrenduo "Schneider-Tarke", schräg gegenüber hat Alexander Karle einen kompressorgetriebenen Spielautomaten aufgestellt, um die Ecke rappt das Duo "Tell". "Was bedeutet Wald für Dich?", erforschte eine von Monika Hau gestartete Online-Umfrage. Die Ergebnisse hat sie, fortlaufend ergänzt um aktuelle Besucherantworten, auf gelben Zetteln in ein gewaltiges Netz eingeflochten. Auf der anderen Wegseite züchtet Runxia Deng Feldsalat - der Versuch, der wilden Natur ein Kulturgut einzupflanzen. Ob die Saat keimt, will sie in den kommenden Wochen beobachten.