Vortrag und Diskussion über die Zukunft der häuslichen Pflege

Saarbrücken. 4,9 Milliarden Stunden unbezahlte Pflegearbeit werden in Deutschland jedes Jahr geleistet, das entspricht 3,2 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen. Zwei Drittel dieser Arbeitsstunden werden von Frauen geleistet

Saarbrücken. 4,9 Milliarden Stunden unbezahlte Pflegearbeit werden in Deutschland jedes Jahr geleistet, das entspricht 3,2 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen. Zwei Drittel dieser Arbeitsstunden werden von Frauen geleistet. Imposante Zahlen aus einem Referat, das Diplompädagogin und Psychologin Barbara Stiegler am Donnerstag im Rahmen des FrauenThemenMonats im Festsaal des Saarbrücker Rathauses gehalten hat. "Die Geschlechterperspektive macht Probleme nicht einfacher, sie macht sie klarer", leitete Stiegler ihre Ausführungen ein. Doch der Vortrag "Wenn Töchter nicht mehr pflegen" brachte den rund 70 Zuhörerinnen und Zuhörern (hier wurde das Drittel nicht erreicht) nichts wirklich Neues.Dafür wurde aber Bekanntes sehr kompakt und damit äußerst eindringlich ins Bewusstsein gerufen. "Häusliche Pflege von Töchtern und Schwiegertöchtern aber auch von Söhnen und Ehemännern wird es in Zukunft so nicht mehr geben", erklärte Barbara Stiegler im Hinblick auf die notwendige Mobilität auf dem Arbeitsmarkt, die traditionelle Familiengeflechte auseinander reißt: "Häusliche Pflege muss in Zukunft bezahlbar sein, aber sie muss für die Pflegenden auch das Auskommen sichern."Skandalöse BezahlungStiegler formulierte es deutlich: "Die Einführung von Mindestlöhnen im Pflegebereich ist ein Skandal. Denn sie bedeutet, dass derzeit nicht einmal dieses minimale Lohnniveau erreicht wird." Und da hauptsächlich Frauen in Pflegeberufen tätig sind, trifft die ungleiche Bezahlung im Pflegebereich und in der Wirtschaft bei vergleichbaren Ausbildungen vor allem diese Bevölkerungsgruppe. Die Antwort auf die Frage, wo denn das Geld für die Pflege künftig herkommen soll, blieb Stiegler allerdings schuldig. Eine Erhöhung der Sozialabgaben könne aber nicht die Lösung sein. Die Pflege sei vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und einer alternden Gesellschaft ein Problem, dessen sich die Politik, aber auch die Forschung noch nicht wirklich angenommen hätten. In der anschließenden Podiumsdiskussion mit den Saarbrücker Stadtratsmitgliedern Britta Blau (SPD), Friedhelm Fiedler (FDP), Annette Hoffmann (CDU), Gabriele Ungers (Linke) und Claudia Willger-Lambert (Grüne) versuchte die sichtlich überforderte Moderatorin und Gender-Trainerin Heike Gumpert, geschlechtergerechte Politik für Ältere in Saarbrücken differenziert zu erörtern. Doch während die einen die Einführung des Seniorenbeirates lobten, schimpften die anderen über die Konzentration auf die Stadtmitte oder die mangelnde Vernetzung und den fehlenden Informationsaustausch. Nur in einem Punkt erzielten die Teilnehmer Einigkeit: Das vorliegende Datenmaterial zur Problematik ist bei weitem nicht ausreichend, um zielgerichtete Lösungen anzugehen. Doch auch das war schon vorher bekannt.

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