Vor allem sind sie jung

Premiere gelungen! Am Samstag ist in der Alten Feuerwache das Stück „Das Tierreich“ angelaufen. Nach der ersten Aufführung haben die Zuschauer das Theater mit feuchten Augen verlassen.

Sie sind reich oder nicht, dick oder dünn, vorlaut oder introvertiert und vor allem jung. Und deshalb müssen die 21 Kleinstadtjugendlichen, die in diesem Stück in die Sommerferien, vielleicht die letzten vor dem Schulabschluss, aufbrechen, keinen teuren Abenteuerurlaub buchen, um das aufregende Leben zu spüren.

Dabei machen sie - sieht man von einem tragischen Ereignis ab - gar nichts Besonderes, die Protagonisten in "Das Tierreich", einem Erfolgsstück des Autorenduos Nolte Decar, dass der Jugendclub U21 des Saarländischen Staatstheaters jetzt in der Alten Feuerwache auf die Bühne bringt.

Wie immer hat Jörg Wesemüller inszeniert. Am Samstag war Premiere, die Akteure und die Zuschauer verließen sie gleichermaßen mit leuchtenden Augen. Was passiert? Zwei spielen Federball, seit Jahren sitzen sie in der Klasse nebeneinander, doch jetzt hat es endlich gefunkt. Eine kriegt einen hysterischen Anfall, weil jemand, bestimmt war's die blöde Babette, ihr Chinchilla entführte. In der "Schulumbennungs-AG" streiten sie um passende Namen und demokratische Spielregeln. Im Jugendtheaterclub beschwert sich der Hauptdarsteller, dass er nie im Scheinwerferlicht steht. In der Post-Punk-Mädchen-Band führt man Grundsatz-Debatten, ob man gegen Selters sein kann, wo doch die Seltersfabrik gerade geschlossen und viele Väter arbeitslos gemacht hat. Die einen gucken Pornos, die anderen trauen sich nicht, die Hand auf die Angebetete, die ungeduldig wartet, zu legen oder fragen sich, ob sie lieber Jungs oder Mädchen küssen.

Und das soll aufregend sein? Aber sicher, und wie! Was nicht nur daran liegt, dass die beiden Autoren Jakob Nolte und Michel Decar, diese alltäglichen Ereignisse zu rasanten halb erzählerischen, halb szenischen Dialogen mit köstlichem Humor formuliert haben.

Vor allem liegt es am temperamentvollen Spiel der 21 saarländischen Jungdarsteller und -innen. Wahlweise im Tütü, Skater-, Vamp-, Girlie- oder auch Gothic-Look auf "individuell" getrimmt (Ausstattung: Reyes Perez), trauen sie sich großartig hemmungslos, aus sich herauszugehen.

Wir erleben lauter verblüffende Typen, die alle solistisch hervortreten und spezielle Talente wie Gitarrenspiel und Breakdance einsetzen dürfen. Doch auch das Teamplaying funktioniert in diesem wilden Panoptikum alles wie am Schnürchen.

Nolte und Decar gelang mit "Das Tierreich" eine Hymne an die Jugend mit den Ferien als Kulminationspunkt: Eine Zeit des bei allen Fragen und Zweifeln doch Unbeschwertseins, in dem man für den Moment lebt. Ein Stück mit hohem Identifikationswert für die Jungen, das deren Eltern bisweilen nostalgisch seufzen und erkennen lässt: "Mensch, so viel anders als wir sind die ja gar nicht!"