Von der Landratte zum Seebären

Die Olle K. Melle ist das Rettungsboot eines Ozeandampfers. Die Schüler der Waldorfschule in Altenkessel sollen hier wieder "klar Schiff" machen. Am 13. Oktober ist der Stapellauf geplant.

Saarbrücken. Man ist ja von Waldorfschülern viel gewohnt: Zum Beispiel, dass sie in seltsamen Formen durch den Raum schweben, tief verrußt vor Schmiedeessen durcheinanderhämmern und stinkende Weidenruten zu asymmetrischen Körben flechten. Nun setzen die Altenkessler noch einen drauf. Fortan, so der Plan von Lehrer Christoph Ernestus werden Schüler auch in Schiffsrumpfen herumkriechen, an öligen Bootsmotoren rumschrauben und für den Führerschein pauken - nicht für den fürs Auto, nein für die Befähigung, Boote auf Binnengewässern zu bewegen.

Das mag nun der eine oder andere komisch finden, Christoph Ernestus ist damit eigentlich nur eines: konsequent. Denn seit über zehn Jahren hat die Waldorfschule in Altenkessel ein Schulschiff, die "Olle K. Melle". Und frei nach dem Motto: Eigentum verpflichtet, sollen Schüler jetzt dafür sorgen, dass das ehemalige Rettungsboot eines Ozeanriesens endlich wieder Wasser unterm Kiel hat.

Dass die Schule ein Schiff besitzt, hat sie Musiklehrer Hubert Paech zu verdanken. Der hatte das neun Meter lange und drei Meter breite Boot aus dem niedersächsischen Melle mitgebracht, wo er es mit Freunden eigentlich ausbauen wollte. Aus dieser Zeit stammt auch der Name des Bootes "Olle K. Melle".

Nach seinem Umzug ins Saarland verkaufte er das Boot für eine symbolische Mark an die Waldorfschule. Irgendwann wollte der Abi-Jahrgang 1992 das Boot für die Abschlussfahrt wieder fit machen und damit nach Nancy schippern. In jeder freien Minute werkelten sie an dem Boot, um es fahrtauglich zu machen. Doch beim Stapellauf im alten Hafen von Saarbrücken lief es sofort voll Wasser und drohte unterzugehen. "Das Holz war wegen der langen Jahre Liegezeit so trocken, dass es nicht mehr dichthielt", erzählt Christoph Ernestus. Die Schüler schöpften und pumpten und bekamen das Boot letztlich dicht. Via Saar-Kohle- und Rhein-Marne-Kanal ging es für die Schüler auf Abschlussfahrt nach Nancy. Danach wurde die Olle K. Melle wieder ruhiggestellt. 1995 wurde es auf das Grundstück von Regina und Franz Meyer nach Köllerbach überführt, wo es bis heute lagert. Immer wieder arbeiteten Schüler und Bootsliebhaber an dem Rettungsboot, es wurde ein Stahlkiel angebracht, ein alter Dieselmotor eingebaut und eine Kajüte gebaut.

Nun will die Schule mehr Kontinuität in die Pflege und Wartung bringen. In einem Wahlpflichtkurs sollen die Schüler die Grundlagen des Bootsbaus lernen und ihren Bootsführerschein für Binnengewässer machen.

Aber warum der ganze Aufwand? "Ich bin bereits mit Schülern zweimal auf der Ostsee gesegelt, um zu sehen, wie sich die Kinder in dieser kurzen Zeit entwickelten, wie sie Ängste überwunden haben, ein Gemeinschaftsgefühl entwickelten und Verantwortung für sich und andere übernommen haben, das hat mich sehr beeindruckt. Wer sich um ein Boot kümmert, bekommt lebensgründlichen Unterricht", sagt Christoph Ernestus, der in der Schule eigentlich Gartenbau lehrt und sich um den 8000 Quadratmeter großen Garten kümmert. Schüler lernen von Grund auf, wie ein Motor funktioniert, weil sie ja daran schrauben, sie müssen Mathematik anwenden, Physik und vieles mehr. Und sie würden sich zu einem Team entwickeln, denn das Boot braucht eine Crew, die sich aufeinander verlassen kann.

Aber erst einmal soll es auf freiwilliger Basis noch ein Jahr funktionieren. Im neuen Schuljahr 2013/14 wird es dann einen Wahlpflichtkurs geben. Am 13. Oktober soll die Olle K. Melle nach Burbach gebracht werden. Dazu wird ein Kran das Boot aus dem Garten der Familie Meyer hieven, es auf einen Sattelschlepper verfrachten, der es zur Saar bringt. Im Osthafen von Saarbrücken soll es dann von den Schülern gehegt, gepflegt und bewegt werden. Damit soll die 40 Jahre lange Irrfahrt der Olle K. Melle auf dem trockenen Land beendet sein. Vielleicht sieht sie irgendwann sogar den Ozean wieder.