Viele können den Dreisatz nicht

Lernen Schüler das, was sie für ein Studium qualifiziert? Um das herauszufinden, schlägt der Verband des Gymnasiallehrer Bildungstests an Unis vor, wie es sie für die Schulen – etwa mit den Pisa-Tests – lange gibt.

Tests, die zeigen, wie gut deutsche Schüler im bundesweiten und internationalen Vergleich abschneiden, gibt es zuhauf. Sie heißen Pisa, Vera, Iglu oder Desi und sorgen regelmäßig für Diskussionen um die Qualität des Schulsystems. Nicht selten sind sie Anlass, Reformen anzupacken, die dann wieder untersucht werden - und aus denen neue Reformideen entstehen. "Zunächst war der Prozess gut, doch jetzt ist es Zeit, den nächsten Schritt zu gehen", sagt der Vorsitzende des Saarländischen Philologenverbands (SPhV), Marcus Hahn. Derzeit kreise die Diskussion zu sehr um sich selbst. "Das Bildungsmonitoring beschränkt sich aktuell allein auf den schulischen Bereich, doch es ist unserer Ansicht nach überfällig, die Erfolge der Reformen im Leben nach der Schule genau zu überprüfen." Will heißen: Auch an Universitäten und in Ausbildungsbetrieben sollen Tests durchgeführt werden, die zeigen, ob die Schüler mit dem in der Schule erworbenen Wissen auf Studium oder Ausbildung gut vorbereitet sind.

Als Folge des desaströsen Ergebnisses der Pisa-Studie von 2000 habe im Bildungswesen ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Statt einer "Input-Orientierung", in der der Lehrer vor allem Fachwissen vermittelt, werde nun verstärkt auf "Output-Orientierung" gesetzt, die auf die Vermittlung von Kompetenzen setze: Schülern soll etwa stärker das eigenverantwortliche Lernen und das fächerübergreifende Lösen von Problemen mit praktischem Bezug vermittelt werden, um sie so besser auf die moderne Wissensgesellschaft vorzubereiten.

"Doch erreichen wir mit den Reformen diese Ziele? Bringen wir den Schülern das bei, was sie studierfähig macht? Diese Frage wird nicht aufgeworfen", sagt auch der bildungspolitische Sprecher des SPhV, Hendrik Schultheis. Aus den Ergebnissen der Befragungen der Universitäten könnten dann Rückschlüsse darauf gezogen werden, was sich in Schulen ändern müsse. "Es ist auch ein Kommunikationsproblem: Es findet zu wenig Austausch zwischen Schule und Universität statt darüber, was die Unis erwarten", sagt Hahn. Das Saarland eignet sich aus Sicht der beiden Lehrer hervorragend für eine Pilotstudie: Die Universität des Saarlandes wird von sehr vielen Landeskindern besucht, die zuvor das saarländische Schulsystem durchlaufen haben. "Der Bildungsminister müsste ein Institut mit der Evaluation beauftragen", fordern sie. So könnten etwa Professoren befragt werden, was sie bei heutigen Studierenden an Wissen vermissen, aber auch die Studierenden selbst, wo sie Lücken feststellen.

Auf offene Ohren stößt der Philologenverband bei Uli Müller, Professor für Zoologie und Physiologie an der Saar-Uni. "Wir orientieren uns vom Schwierigkeitsgrad her nach unten, es ist tendenziell leichter geworden", sagt Müller. Ein Master-Absolvent verfüge heute über weniger Wissen als noch vor einigen Jahren. "Das ist aber nicht nur bei uns im Saarland so, das ist überall so", sagt Müller. Immer mehr naturwissenschaftliche Studiengänge führten Vorkurse ein, in denen Mathematik gebüffelt werde, damit nicht noch mehr Studierende nach dem ersten Semester das Studium abbrechen. "Viele können den Dreisatz nicht anwenden", sagt Müller. Viele Studienanfänger seien zudem zu Transferleistungen nicht in der Lage, könnten also die Vorgehensweise bei einem Problem nicht auf ein anderes übertragen. Dabei hätten viele der Studierenden gute bis sehr gute Abiturnoten. Grundsätzlich begrüßt er die Reformen , die nach dem Pisa-Schock gemacht wurden. "Es ist wünschenswert, dass Schüler Kompetenzen erwerben sollen und die Fächer untereinander besser vernetzt sind und nicht mehr jede Naturwissenschaft einzeln betrachtet wird", sagt der Zoologe. Doch hakt es seiner Ansicht nach bei der Umsetzung. Von der Grundschule bis zur Uni habe sich eine Kultur des Durchwinkens etabliert. Es solle jeder mitgenommen werden - egal wie gut er ist. "Es gibt das politische Interesse, möglichst viele durch das Abitur durchzuschleusen, um eine höhere Abiturientenquote zu haben", meint Müller.

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