Verluste mit eigenen Kraftwerken"Wir müssen jeden Stein umdrehen"

Verluste mit eigenen Kraftwerken"Wir müssen jeden Stein umdrehen"

Saarbrücken. 2009 fiel bei den Stadtwerken Saarbrücken der Entschluss, Energie wieder selbst herzustellen. Die Überlegung sei gewesen, durch erwartete Gewinne beim Verkauf von Strom und Fernwärme die Verluste im Nahverkehr und bei den Bädern auszugleichen

Saarbrücken. 2009 fiel bei den Stadtwerken Saarbrücken der Entschluss, Energie wieder selbst herzustellen. Die Überlegung sei gewesen, durch erwartete Gewinne beim Verkauf von Strom und Fernwärme die Verluste im Nahverkehr und bei den Bädern auszugleichen. Zu Beginn des Jahres 2013 erweise sich "in sehr massiver Art", so Stadtwerke-Vorstand Peter Edlinger, dass die Rechnung nicht aufgehe, derzeit jedenfalls nicht. Nach Worten Edlingers sei in diesem Jahr mit zwei bis drei Millionen Euro Verlust bei der Eigenenergieerzeugung zu rechnen. Neben den drei Blockheizkraftwerken auf dem Busbahnhof sei das neue, 50 Millionen Euro teure Gasheizkraftwerk im Industriegebiet Süd der größte Verlustbringer. Der beschlossene Bau dreier weiterer Blockheizwerke habe das Unternehmen gestrichen.

Probleme durch Energiewende

Edlinger zeigte sich überzeugt, dass der Entschluss zur Eigenenergieerzeugung, der auf "solider und stimmiger Basis" erfolgt war, langfristig richtig sei. Womit niemand habe rechnen können, sei der Atomunfall von Fukushima und die daraus folgende Energiewende gewesen. Mit ihr sei der Anteil der erneuerbaren Energien auf 25 Prozent gestiegen, und zwar zu Lasten konventioneller Erzeuger. Folge der Energiewende seien dramatisch fallende Strompreise an der Börse, durch die die Erlöse der Stadtwerke schrumpften, denn das Gas, das der Konzern zur Erzeugung einkaufe, sei im Preis auf hohem Niveau stabil. Grob gesprochen seien alle Stadtwerke, nicht nur die Saarbrücker, "Opfer" der politischen Entscheidungen. Edlinger wünscht sich, dass konventionelle Kraftwerksbetreiber so geschützt werden, dass sie wieder in die Lage kommen, kostendeckend zu arbeiten. Edlinger kündigte an, die Stadtwerke versuchten, die Entwicklung durch eigene Anstrengungen wie optimierte Einkäufe und Verkäufe etwas abzufedern. Man sei um "Schadensbegrenzung" bemüht und werde über mögliche Maßnahmen beraten. Saarbrücken. "Es wäre vielleicht klüger gewesen, das Kraftwerk nicht zu bauen." Mit diesen Worten kommentiert Peter Bauer, SPD-Fraktionschef im Stadtrat, die Verluste unter anderem des neuen Gaskraftwerks im Industriegebiet Süd. Der Kurs von Dieter Attig, damals Chef des VVS-Konzerns, zu dem die Stadtwerke gehören, sei riskant gewesen. Aber der Aufsichtsrat hat dem Kraftwerksbau doch zugestimmt? Bauer: "Es wurde schon kritisch diskutiert, ob das nicht zu riskant ist." Eine große Mitschuld an den Verlusten trage die "irrationale Energiewende". So habe der Strom, der mit Wind und Sonne produziert werde, Vorrang vor dem Strom, der in den Kraftwerken der Stadtwerke produziert werde. Bauer: "Die kommunalen Unternehmen und die Stromverbraucher sind die Dummen." Als Konsequenz aus den hohen Verlusten werde im Heizkraftwerk Römerbrücke neben der hochmodernen Gasturbine nun auch wieder Kohle verfeuert, weil die billiger als Gas sei. Die Energie SaarLorLux (ESLL) ist seit 2011 Eigentümerin dieses Kraftwerks. An der ESLL ist der VVS-Konzern mit 49 Prozent beteiligt. Die 51-Prozent-Mehrheit hält der Energiekonzern GDF Suez. Fraktionschef Peter Strobel wies darauf hin, dass die CDU dem Bau im Industriegebiet Süd im Aufsichtsrat nicht zugestimmt habe. "Attig hatte empfohlen, in die Energieerzeugung einzusteigen. Aber was bringt uns das? Die Römerbrücke hätte noch Kapazität, mehr Bürger mit Fernwärme zu versorgen. Die Strategie Attigs war im Nachhinein ein Fehler." Allerdings hätten mehrere Gutachter den Einstieg in die Energieerzeugung empfohlen, erklärt Strobel. Er gab auch zu, dass die Gaspreisentwicklung nicht absehbar war.

Peter Bauer erwartet nun, dass die Geschäftsführung möglichst schnell ein Konzept auf den Tisch legt, wie es weitergehen soll. Eine enge Zusammenarbeit mit Suez sei selbstverständlich. Bauer macht deutlich: "Wir müssen bei den Stadtwerken jetzt jeden Stein umdrehen." Alle Kosten müssten auf den Prüfstand. Denn aufgrund der Verluste wird auch die Subventionierung von Saarbahn und Busverkehr immer schwieriger.

Rolf Linsler (Linke), der im Aufsichtsrat der Stadtwerke sitzt, verteidigte den Kurs der Energieerzeugung: "Die gehört in die öffentliche Hand." Der Bau von eigenen Kraftwerken sei ein Druckmittel gewesen, damit der Suez-Konzern wieder eine Beteiligung des VVS-Konzerns am Kraftwerk Römerbrücke zulässt. Der Verkauf des Kraftwerks 2001 sei ein großer Fehler gewesen. Linsler: "Die Zusammenarbeit zwischen Stadtwerken und ESLL muss offen und ehrlich sein und besser werden."

Oberbürgermeisterin Charlotte Britz, gleichzeitig Aufsichtsratschefin des VVS-Konzerns, fordert, die Rahmenbedingungen für die klimafreundlichen Gaskraftwerke spätestens nach der Bundestagswahl zu verbessern. 2017 sollen die nächsten Atomkraftwerke abgeschaltet werden, sagte Britz. Derzeit konkurrierten Kohle und Gas um einen kleinen Teil des Strommarkts, nachdem die erneuerbaren Energien deutlich ausgebaut worden seien. Das habe bei der Entscheidung für die Energieerzeugung 2009 kein Experte voraussehen können. Nun gehe es darum, den gesamten Konzern zu durchleuchten, wo gespart werden könne. Betriebsbedingte Kündigungen schloss Britz aus.

meinung

Energieerzeugung ist richtig

Von SZ-Redakteur

Markus Saeftel

Die Kritik von CDU und SPD an der Strategie des früheren Chefs der Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft Saarbrücken (VVS), Dieter Attig, ist unangebracht. Er hat es schließlich geschafft, den Konzern GDF Suez mit dem Bau eigener Kraftwerke dazu zu bringen, 49 Prozent der Anteile am Heizkraftwerk Römerbrücke der VVS zu überlassen. Somit ist der Konzern wieder an den Gewinnen beteiligt. Die Politiker sollten sich mit Kritik zurückhalten. Sie waren es doch, die mit dem Verkauf des Kraftwerks Römerbrücke die Probleme auslösten, unter denen die Stadtwerke bis heute leiden.

Der Kurs der Energieerzeugung war und ist richtig. Aber die Energiewende wird zum großen Problem, weil die erneuerbaren Energien bevorzugt werden und die Stadtwerke den in den Kraftwerken produzierten Strom an der Börse nicht loswerden oder zu viel geringeren Preisen als erwartet. So kann kein Kraftwerk kostendeckend arbeiten.