Unsere Sommerträume auf der Straße

Es gilt, ein Jubiläum zu würdigen: Das publikumsfreundlichste Festival des Landes hat Geburtstag. Die Sommer-Szene wird 30. Vom 13. bis 22. August wird gefeiert. Wir halten mit Festivalchef Charlie Bick Rückschau.

Was haben wir schon schöne Tage und Nächte erlebt mit der Sommer-Szene. Haben unter blauem Himmel am Schlossplatz die seltsamsten Gestalten auf Stelzen herumstaksen sehen, haben in verborgenen Winkeln der Stadtteile mit Komödianten gebangt und gelacht. Und haben uns bei den unfassbar guten Klassiker-"Interpretationen" des Kölner N.N.-Theaters weit über Niveau amüsiert.

Wir haben auch eisigkalte Abende erlebt, haben unterm Regenschirm gebibbert und trotzdem geklatscht. 30 Jahre Sommer-Szene: Da kommen ganz schön viele Erinnerungen hoch. Da ist viel Raum für Bilder im Kopf, da stellt sich im Allerwertesten wieder das Gefühl der Holzbänke ein oder der Pflastersteine, auf denen man hockte.

Und immer irgendwo dabei: Charlie Bick. Untrennbar mit seiner Sommer-Szene verbunden. "Ich bin 60, das Festival ist 30", sagt Charlie Bick beim SZ-Termin in einem Café auf dem sonnenssatten St. Johanner Markt. Sein unverkennbarer Igelkopf ist irgendwie immer noch der gleiche wie vor 30 Jahren - ein bisschen grauer und ein bisschen kürzer vielleicht. Der gebürtige Würzburger hat damals die Saarbrücker Sommer-Szene gegründet. In der schon vier Jahre darauf geschlossenen beruflichen Dauer-Beziehung mit Marion Künster hat sich ein gutes Leitungs-Team eingespielt. "Jeder gleicht die Schwächen des jeweils anderen aus", sagt Bick. Und diese beiden feiern nun mit ihrem Publikum vom 13. bis 22. August das Jubiläums-Festival.

30 Jahre. Das waren noch Zeiten, damals, in dieser "kulturellen Gründerzeit", wie Charlie Bick sagt. Allein schon die Entstehungsgeschichte: "Da kam der damalige Kulturamtsleiter Karl Heinz Petry zu mir und sagte: Herr Bick, wir haben noch 20 000 Mark übrig. Laden Sie doch mal ein paar Gruppen ein, so wie Sie".

Charlie Bick machte damals noch mit seiner Asphalt-Company selber Straßentheater . Heute geht er nicht mehr selber auf die Bühne - aber er und Marion Künster sind deutschlandweit bekannte Straßentheater-Experten. Über 20 Jahre leiteten sie in Rastatt das größte Straßentheaterfestival Deutschlands, das "Tête à Tête". Erst jetzt haben sie es abgegeben - auch, weil die Stadt andere Wege gehen wollte als Bick gut fand. Und er wohl in jener Phase der frühen Altersweisheit angekommen ist, wo man nicht mehr alles um jeden Preis machen will. "Ich habe das 22 Jahre gemacht, es war schön, jetzt bin ich froh, dass es vorbei ist". Weil Rastatt immer im Wechsel mit der Sommerszene war, hat er nun 2016 eine Art Sabbatjahr. Und freut sich. "Endlich mal wieder Theater anschauen ohne Dollerzeichen in den Augen", wie er sagt. Also ohne gleich zu kalkulieren, ob das was fürs Festivals sein könnte.

Für die Saarbrücker Sommerszene, quasi die Keimzelle aller kulturellen Aktivitäten des Duos Bick&Künster (es gibt u.a. auch noch Festivals in Ludwigshafen, Heilbronn-Moosbach und Neckarsulm), wird er natürlich weiter die Augen offen halten.

Was fällt ihm so an Höhe- und Tiefpunkten ein, wenn er die letzten 30 Jahre Revue passieren lässt? "Karl's kühne Gassenschau war ein prägendes Element der ersten Jahre". Ältere Theaterfans werden sich sicher noch an die sagenhafen Eskapaden der Schweizer Artisten erinnern, die unter anderem 1989 auf einer "Baustelle" vor dem Saarbrücker Schloss so halsbrecherische Kunststückchen machten, dass man das Atmen vergaß.

Heute gehört Karl's kühne Gassenschau zu den gefragtesten Straßentheatergruppen überhaupt und wäre fürs Saarbrücker Budget wahrscheinlich gar nicht mehr zu finanzieren.

Überhaupt die Finanzen: Die prägendste negative Erinnerung hat Charlie Bick natürlich an das Jahr 1993. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen: Aber damals hielt eine rot-grüne Mehrheit im Saarbrücker Stadtrat das Straßentheaterfestival für verzichtbar. Der Zuschuss wurde gestrichen. Die Sommer-Szene in Saarbrücken fiel aus. Nur noch in Völklingen und Dillingen, den beiden anderen Spielstädten des Festivals, gab es Spaß auf der Straße.

In diesem Jubiläumsjahr ist es nun quasi umgekehrt. Das Desaster der Völklinger Fischzucht-Pleite schlägt auch direkt auf die Kultur durch. Die Stadt Völklingen hat den ohnehin nur noch eher symbolischen Zuschuss ganz gestrichen. Charlie Bick und seine Mannschaft bespielen deshalb dieses Jahr nur noch Saarbrücken und Dillingen. Welche Truppen zum Jubiläumsfestival dort aufreten, daraus machen Künster und Bick lange ein Geheimnis. Auf der Homepage www.sommerszene.de zählt eine bunte Stoppuhr den Countdown zum Festival, verrät aber nicht mehr.

Nur soviel steht fest: Die Sommerszene 2015 wird donnerstags am Saarbrücker Schloss eröffnet. Sie gastiert in Brebach, Malstatt und Dudweiler und endet in Saarbrücken dienstags wieder am Schloss. Der Mittwoch ist frei. Donnerstag bis Samstag ziehen die Straßenkünstler nach Dillingen. 22 bis 23 Gruppen sind dabei.

 Unvergessen: das N. N. Theater - hier 1991.Foto: barbian
Unvergessen: das N. N. Theater - hier 1991.Foto: barbian Foto: barbian
 Das Plakat 2015. foto: morton
Das Plakat 2015. foto: morton
 Karl's kühne Gassenschau: immer ein Höhepunkt. Foto: Merkel
Karl's kühne Gassenschau: immer ein Höhepunkt. Foto: Merkel Foto: Merkel
 Auf Stelzen war „Hors Strate“ 1995 unterwegs. foto: Bellhäuser
Auf Stelzen war „Hors Strate“ 1995 unterwegs. foto: Bellhäuser
 Gruselige Braut: die Gruppe Palo Q'Sea 1998. Foto: fine art
Gruselige Braut: die Gruppe Palo Q'Sea 1998. Foto: fine art Foto: fine art
 Sommer-Szene-Chefs: Marion Künster und Charlie Bick. Foto: isi
Sommer-Szene-Chefs: Marion Künster und Charlie Bick. Foto: isi Foto: isi

Zum Thema:

Hintergrund: Dass die Saarbrücker Garage heute noch steht und nicht für einen Hotelkomplex abgerissen wurde, ist indirekt der Sommerszene zu verdanken. Charlie Bick sah seinerzeit, wie die alte Ford-Garage geräumt wurde und erfuhr, dass die geschlossen würde. Weil er für die Sommerszene ein regenfestes Ausweichquarier suchte, ließ er sich die Zwischennutzung genehmigen. Es regnete viel in diesem Sommer. Und so kam auch ein Mitarbeiter der Unteren Bauaufsicht zu einer Vorstellung, sah das Gebäude, stellte fest, dass es der einzige Industriebau des Jugendstil-Architekten Carl Burgemeister war. Daraufhin sorgte er dafür, dass die Garage unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Modelle für das geplante Hotel hatte Bick bereits bei einer Architekturfirma gesehen, als er die Schlüssel abholte. Hätte es nicht die Sommerszene gegeben, hätte es nicht geregnet, das Gebäude, das seit Jahren beliebter Kulturort ist, wäre nur noch Geschichte. bre