Unbeirrbar bis in den Tod

Saarbrücken/Wadern. Lange fiel es den Deutschen schwer, das Aufstehen gegen das Nazi-Regime überhaupt zu würdigen. Man wollte bloß vergessen - bevor man mühsam das Erinnern als Notwendigkeit begriff. Aber selbst heute sind wenige Namen nur, wie etwa Stauffenberg oder die "Weiße Rose", einer nennenswerten Zahl vertraut

Saarbrücken/Wadern. Lange fiel es den Deutschen schwer, das Aufstehen gegen das Nazi-Regime überhaupt zu würdigen. Man wollte bloß vergessen - bevor man mühsam das Erinnern als Notwendigkeit begriff. Aber selbst heute sind wenige Namen nur, wie etwa Stauffenberg oder die "Weiße Rose", einer nennenswerten Zahl vertraut. Doch wer weiß von Josef Wagner, dem Bergmann, dem Kommunisten, dem Widerstandskämpfer aus Lockweiler? Viel zu wenige, ganz sicher.

Vielleicht hilft nun ja das lesenswerte Buch des Journalisten Dieter Gräbner über Josef Wagner dies zu ändern. Wagner war einfacher Bergmann, 1897 in Lockweiler geboren. Doch der "Sepp" fand sich nicht ins gegebene Unrecht. Dass seine Kollegen und er auf den Gruben für kargen Lohn sechs Tage die Woche Leib und Leben riskierten, das durfte so nicht bleiben. Und schon gar nicht durften sich die Gräuel des Stellungskrieges, die er 1917 an der Westfront selbst erfahren musste, wiederholen.

Josef Wagner wird Gewerkschafter, wird Kommunist wie viele damals. Hitler bekämpft er von Anfang an. Als die Nazis 1933 die Macht übernehmen, flieht Wagner zum ersten Mal; Lockweiler zählt noch zum Reichsgebiet. Jetzt agiert Wagner von Schmelz aus, streitet dafür, dass die Saar nicht unter Hitlers Einfluss gerät. 1935, nach dem verlorenen Abstimmungskampf, entkommen die Wagners nach Frankreich. Von Forbach aus organisiert Josef Wagner nun den Widerstand: Flugblätter, Zeitungen werden gedruckt, über die Grenze geschmuggelt. Als die Wehrmacht 1940 Frankreich überfällt, muss Wagner wieder weg - in den nicht besetzten Teil Frankreichs. Doch er wird interniert, 1943 bringt man ihn nach Berlin. Am 1. September 1943 wird er hingerichtet.

Der Buchautor und langjährige SZ-Redakteur Dieter Gräbner hat dieses erstaunliche Leben nun in seinem Buch "Ich sterbe ruhig und mutig" nachvollzogen. Dabei konnte er sich auf die dokumentarische Arbeit des Völklinger Historikers Luitwin Bies stützen, der vieles schon zusammengetragen hatte. Eigentlich sollte es beider Buch werden, doch Bies starb über der Arbeit an dem Band.

Gräbner hat es aber nicht beim biographischen Schreiben belassen. Eine Begegnung mit Wagners hochbetagter Tochter Maria Jacottet-Wagner, die bei Toulouse lebt, und eine Spurensuche sind ebenso wesentliche Aspekte dieses Buches. So stellt sich mit der Frage nach Josef Wagner die Frage nach der Erinnerungsarbeit generell. Auch wenn aktuelle Stichproben des Autors zum Wissen über Josef Wagner etwa bei der Lockweiler Jugend positiv ausfielen, so schreibt Gräbner eben auch davon, dass es bis heute nicht glückte, eine Straße nach Josef Wagner in Lockweiler zu benennen. Versuche nach Kriegsende scheiterten, berichtet Gräbner: Manche hielten dem Widerstandskämpfer gar sein Engagement vor. Er hätte sich ja ruhig verhalten können. Dann wäre ihm nichts passiert.

Umso bedeutsamer ist es da, dass sowohl Ministerpräsident Peter Müller als auch seine Amtsvorgänger Reinhard Klimmt und Oskar Lafontaine Vorworte zu diesem Band verfassten. Ein wichtiges Signal fern der Tagespolitik.

Dieter Gräbner: "Ich sterbe ruhig und mutig" - Josef Wagner; Bergmann, Kommunist, Widerstandskämpfer. Conte Verlag, 184 Seiten, 14,90 Euro.

Buchvorstellung: am morgigen Dienstag, 17 Uhr, SZ-Forum, Eisenbahnstraße 31. Neben dem Autor sprechen der frühere Ministerpräsident Reinhard Klimmt und SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst.