| 21:00 Uhr

Kleinkunst-Spielstätte
Im Theater Leidinger gehen jetzt die Lichter aus

 Im Seitentrakt des Hotels Leidinger in der Mainzer Straße 10 gab es viele Jahre an fast jedem Wochenende Kabarett, Chanson, Liederabende. Damit ist nun Schluss. Das Seitengebäude wurde – wie berichtet – verkauft. Das Hotel Leidinger ist künftig vor allem Hotel. Über 20 Jahre war es auch eine wichtige Kleinkunstbühne für die Stadt.
Im Seitentrakt des Hotels Leidinger in der Mainzer Straße 10 gab es viele Jahre an fast jedem Wochenende Kabarett, Chanson, Liederabende. Damit ist nun Schluss. Das Seitengebäude wurde – wie berichtet – verkauft. Das Hotel Leidinger ist künftig vor allem Hotel. Über 20 Jahre war es auch eine wichtige Kleinkunstbühne für die Stadt. FOTO: leidinger
Saarbrücken. Der Moment des Abschieds ist gekommen. Am 31. Dezember schließt das Theater Leidinger in der Mainzer Straße. Wir haben mit Künstlerinnen und Künstlern gesprochen, die dort Stammgäste waren. Von Susanne Brenner

Am Sonntag ist die letzte Veranstaltung im Theater Leidinger. Die Kleinkunst-Bühne schließt zum Jahresende. Der Verlust der kleinen Bühne in der Mainzer Straße trifft nicht nur das Publikum. Auch die Künstlerinnen und Künstler, die dort regelmäßig gastierten, verlieren ein Stück Heimat.


Mancher Chansonnier, manche Kabarettistin war über viele Jahre immer wieder im Leidinger zu Gast. Es wurden Freundschaften geschlossen, manch eine(r) startete dort die Karriere.

Wir haben mit einigen von ihnen Kontakt aufgenommen, haben auswärtige und hiesige Künstlerinnen und Künstler befragt. Von ihnen wollten wir wissen, was ihnen das Leidinger bedeutet hat. Die Reaktionen waren durchweg betroffen.



„Das ist eine ganz traurige Nachricht. Für Saarbrücken natürlich und die dortige Kleinkunstszene. Und speziell auch für mich im entfernten Hamburg“, sagt Leidinger-Dauergast Johannes Kirchberg. Der musikalisch-literarische Kabarettist brachte jedes seiner neuen Programme hier auf die Bühne, wurde gut Freund mit den künstlerischen Leitern Barbara Scheck und Peter Tiefenbrunner und mit so manchem im Publikum.

„Das Theater im Leidinger, und mit ihm die Menschen, die das Theater führten, und die Gäste, die immer neugierig und warmherzig waren, auch das Hotel, haben mich immer mit offenen Armen und einem großen Interesse empfangen. Das ist nicht Normalität im bundesdeutschen Kleinkunstbetrieb“.

„Mein Künstlerherz blutet“, sagt auch Marcel Adam. Der beliebte Chansonnier aus Lothringen verliert seinen Stamm-Spielort. „Ich spielte schon seit den Anfangszeiten im Leidinger, damals noch mit und unter Jürgen Reitz“, erinnert er sich. Das ist über 20 Jahre her. Seinerzeit wurde noch im ganzen Hotel, auch in den Zimmern, Theater gemacht.

Über Jahre feierte Marcel Adam im Leidinger dann „mein herzlichstes Konzert überhaupt“, das Weihnachtsgebäck-Konzert. Gerade war das letzte. „Es macht mich sehr traurig. Etwas von meiner künstlerischen Vergangenheit verschwindet einfach so, als würde man wieder ein Stahlwerk in Lothringen schließen“.

„Was für ein Jammer“, ruft Uwe Kleinbrink aus, als er die Nachricht bekommt. In Saarbrücken bekannt ist er seit Jahren unter seinem kabarettistischen Künstlernamen Kurt Knabenschuh. „Ich habe mehrfach im Leidinger spielen dürfen und bin immer gerne wiedergekommen, weil einfach alles – vom Publikum bis zur gastfreundlichen Behandlung im Leidinger – wunderbar passte. Jetzt wird Saarbrücken ein kulturelles Kleinod verloren gehen. Und auch mir, denn wo spiele ich demnächst in Saarbrücken?“

Das ist in der Tat eine Frage. Denn bisher gibt es keinen vergleichbaren Spielort in Saarbrücken, der ein passender Rahmen wäre für die (noch) nicht ganz so großen Kleinkünstler. Den gab es auch früher nicht, weshalb es seinerzeit ein so großes Glück war, als das Leidinger eröffnet wurde.

Daran erinnert sich auch die Schauspielerin und Kabarettistin Bettina Koch. „Als Jürgen Reitz vor 21 Jahren das Leidinger als Spielstätte auftat, war das für mich ein Geschenk. Wir konnten in sämtlichen Räumen mit Theater und Kabarett experimentieren“. Dort im Bistro entwickelte Bettina Koch auch ihre erfolgreiche Bühnenfigur „Die Krawallschachtel“. Zahlreiche ausverkaufte Vorstellungen hatte sie damit. „Ähnlich wie beim Theater Arnual bin ich traurig, wenn eine funktionierende Spielstätte schließt. Leidinger und Arnual standen für Unterhaltung mit Haltung“, sagt sie. Die Nähe zum Publikum und die Gespräche hinterher inspirierten sie, wie sie sagt. Und sie fügt noch einen Dank hinzu „an die Leidingers, die klugen Nachtportiers und alle Helfer“.

Ein großer Verlust ist die Theaterschließung für den Kulturverein KuBe. Der veranstaltete dort Abende mit jungen, talentierten klassischen Musikerinnen und Musikern. „Wir hatten dort unsere wichtigste Bühne“, sagt Michael Britz, der Vereinsvorsitzende. „Für unsere klassischen Liederabende hatten wir ideale Bedingungen, und unsere Zusammenarbeit mit Barbara Scheck und Peter Tiefenbrunner war wirklich hervorragend. Schade, dass wieder ein Stück Kultur in Saarbrücken verloren geht“.

Das sieht die Saarbrücker Chanson-Sängerin Susan Ebrahimi ähnlich. Mit dem Leidinger verlören viele Künstlerinnen und Künstler ein Stückchen Heimat. „Das Leidinger war eine Bühne, auf der man sich ausprobieren durfte und sich als Künstler nie vergessen fühlte“, sagt sie. „Schade um dieses kleine liebenswerte Theater, schade um den idealistischen Einsatz der Betreiber. Wieder gehen uns eine Bühne und ein Stück Kunst verloren“.

Eine, die regelmäßig zum Gastspiel anreiste, ist die Musik-Kabarettistin Annette Kruhl: „Ich habe den Spielort sehr zu schätzen gewusst. Die Zusammenarbeit mit Barbara Scheck und Peter Tiefenbrunner war immer professionell und herzlich, denn die beiden sind nicht nur engagierte Veranstalter, sondern auch Bühnenkollegen. Das Leidinger selbst hatte zudem ein tolles Ambiente.“ Aber bei Kruhl mischen sich auch ein paar kritische Töne in die Erinnerung. Barbara Scheck und Peter Tiefenbrunner hätten viel zu wenig Unterstützung bekommen, auch finanziell.

Aber vor allem findet Kruhl es „absolut bedauerlich, dass ein weiterer kleiner, feiner Spielort mit einem exquisiten Programm aus den Genres Kabarett, Jazzmusik und Literatur wegfällt – zumal es im Saarland keine wirklichen Alternativen gibt. Eine traurige Entwicklung“.