Suche nach Haus mit Ersatzfamilie

Das Haus auf dem Land verkaufen und mit dem Geld in die Stadt ziehen – hört sich gut an, scheitert aber oft am Markt und am Geld. Eine Diskussion über „alternative Wohnformen und soziales Miteinander im Alter“ im Rathaus brachte interessante Erkenntnisse.

Podiumsdiskussion mit Jürgen Wunn, Rita Gindorf-Wagner, Birgit Quien, Wolfgang Langguth, Ilka Desgranges, Lothar Arnold, Rena Wandel-Hoefer und Theo Klapheck (von links). Foto: Iris Maurer. Foto: Iris Maurer

Früher, so erinnerte sich Lothar Arnold, der Vorsitzende des Saarbrücker Seniorenbeirates, hätten die Leute die Häuser so groß gebaut, wie es nur ging; niemand habe sich Gedanken gemacht, wie er die Immobilie im Alter in Schuss halten könnte. Im Hinterkopf hatte man die Kinder - aber die wohnen heute, weil der Beruf es so erfordert, glücklich in München und Frankfurt und wollen sich das renovierungsbedürftige Elternhaus nicht ans Bein hängen. Also verkaufen. "Denkste!", kam ein Einwand aus dem Publikum. Das auf 300 000 Euro taxierte schöne Gebäude, leider ländlich gelegen (schon fünf Kilometer außerhalb der City kann "Land" sein) erziele allenfalls die Hälfte davon. Der Umzug in eine kleine Eigentumswohnung in der Stadt, wo der Senior alles zu Fuß erreicht, heutzutage ein Wunsch vieler Menschen der Generation 60 plus, ist finanziell nicht machbar. Ganz zu schweigen davon, dass diese Stadtwohnungen neuen Typs noch rar sind.

Die PSD Bank Rhein-Neckar-Saar kam da mit ihrer Podiumsdiskussion über "Alternative Wohnformen und soziales Miteinander im Alter" am vergangenen Freitagabend im Rathaus St. Johann gerade recht.

Theo Klapheck vom Verein Galia (Gemeinsam aktiv leben im Alter) schwärmte von dem gemeinschaftlichen Wohnprojekt in Malstatt. Singles und Paare, meist über 50, wohnen in jeweils eigenen Wohnungen eines Mehrfamilienhauses selbstbestimmt, teilen sich aber Gemeinschaftsräume. "Wir regen uns unwahrscheinlich an und staunen selbst oft, wie gut das hinhaut." Diese quasi "Rekonstruktion der früheren Großfamilie", so die leitende SZ-Redakteurin und Moderatorin Ilka Desgranges, lässt sich allerdings nicht mal so eben und auch nicht für jeden Geldbeutel erzielen. Es ist im Einzelfall auch nicht ganz leicht, jüngere Mitbewohner zu gewinnen, damit die Gemeinschaften lebendig bleiben.

Die Saarbrücker Baudezernentin Rena Wandel-Hoefer und Rita Gindorf-Wagner, Geschäftsführerin der WOGE Saar/Wohnungsgesellschaft Saarland, sprachen dem Wohnen erste Priorität für die Zukunftsfähigkeit der Stadt zu. Wobei die Kniffligkeit der Aufgabe darin liege, den Bestand klug, aber auch bezahlbar an neue Bedürfnisse anzupassen.

Zu dem Thema gehören nach Überzeugung der Baudezernentin auch Freiräume ohne Autos, Nahversorgung und gute Busanbindungen. Wenn der Nahverkehr lückenlos fahre, dann sei das Wohnen auch abseits der Zentren attraktiv, so Wandel-Hoefer.

Prof. Wolfgang Langguth, dessen Netzwerk AAL als Anlaufstelle bei allen Fragen rund um das Thema "generationsgerechtes und selbstbestimmtes Leben" gilt, hielt ein Plädoyer für technische Lösungen, mit denen Senioren länger in vertrauter Umgebung leben können. Wie sich zeigte, haben viele Menschen aber Unbehagen an "Überwachung" oder "Entmündigung". Langguth hat aber den Ehrgeiz, die Vorzüge klarzumachen. Birgit Quien, Präsidentin der "denkwerkstadt Saarbrücken ", mahnte dringend an, bei Planungen stets Generationenvielfalt und frühe Beteiligung der Bewohner anzustreben. Der so genannte "demographische Wandel" sollte besser "demographische Verantwortung" heißen.

Den schwersten Part hatte Jürgen Wunn, der Vorstandsvorsitzende der PSD Bank. Denn immer wenn es um die Finanzierung innovativer Projekte abseits des klassischen Einfamilienhauses ging, schauten alle fragend zu ihm.

Wunn gestand ein, dass es noch keine Modelle gebe, um etwa den Preisverfall der Häuser auf dem Land aufzufangen und den betroffenen Senioren einen sorgenfreien Alterssitz in der Stadt zu finanzieren - womöglich ein genossenschaftliches Modell? So oder so, man arbeite daran.

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