Stolz auf die selbst genähte Kulturtasche

Männer und nähen? Das geht gar nicht, denken viele Frauen. Dass es doch geht, wollte ein SZ-Redakteur beweisen. Zuhause hatte die Handarbeit meist im Frust geendet. Nicht so im Nähkurs im Nauwieser Viertel.

Am Anfang ist der Wahnsinn. Dass es nicht möglich ist, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bekommen, ist dem Volksmund leidlich bekannt. Aber mindestens so schwer ist es, einen einfachen Faden durch dieses winzige Loch zu bekommen. Ich schiebe es einfach auf das Licht, versuche wieder und wieder, bis der Faden endlich in der Nadel sitzt. Die größte Hürde ist genommen.

Im Nähapartment im Nauwieser Viertel nehme ich an einem Nähkurs teil. Dreimal pro Woche bietet Sabrina Schmeer, die Inhaberin des kleinen Ladens in der Nauwieser Straße, solch einen Kurs an. Bis zu vier Teilnehmer - üblicherweise sind es Teilnehmerinnen - können dann an den zur Verfügung stehenden Nähmaschinen Projekte bearbeiten, an die sie sich alleine zuhause nicht herantrauen.

Bei mir liegt die Latte entsprechend niedrig. Zuhause traue ich mich mal daran, Knöpfe anzunähen oder kaputte Nähte per Hand zu flicken. Mit der Nähmaschine stehe ich maximal auf Kriegsfuß. Ständig verhaken und verknoten sich da die Fäden. Die Lust am Nähen weicht da schnell dem Frust.

Der Nähkurs soll das ändern. Außerdem ist es auch lustig, als Mann in dieses Metier einzusteigen. "Ein Mann, der Handarbeiten macht, das ist aber ungewöhnlich", höre ich dann auch erwartungsgemäß von meiner Mit-Kursteilnehmerin, Ingrid Haberer.

Mit der Anmeldung kam auch gleich die Aufforderung, sich ein Projekt auszudenken. Stoffe würden wir dann vor Ort auswählen, sagte Schmeer am Telefon. Mein Projekt erweist sich als zu groß. Einen Reisekulturbeutel mit Aufhängung hatte ich mir vorgenommen. Das aber sei für einen Anfänger in drei Stunden nicht zu schaffen. Also specke ich ab - nun soll es eine einfache Kulturtasche werden. Allerdings schon mehrfarbig, gefüttert und mit Standboden. Auch auf den Reißverschluss verzichte ich - zum Schließen reichen ein paar Bänder.

Vor mir steht ein Mustertäschchen auf dem Tisch. Drei Ballen mit Stoff habe ich auch schon ausgesucht und auf den Zuschneidetisch gelegt. Aber was nun? Wie aus dem flachen Stoff das Täschchen werden kann, erschließt sich mir nicht. Schmeer beginnt nun zu zeichnen und gemeinsam mit mir zu rechnen. Aus der geplanten Höhe, Breite und Länge errechnet sie nun die Größe der Stoffstücke, die ich mir gleich zurechtschneiden muss. Eigentlich gar nicht so schwer. Das Anzeichnen und Zuschneiden verlangt Genauigkeit. Zuhause hätte es schon am Werkzeug gefehlt - hier liegen die entsprechenden Lineale bereit, mit denen perfekte rechte Winkel gelingen.

Meine Kurskollegin Ingrid Haberer ist schon kräftig am Arbeiten. Sie ist auch neu im Näh apartment, hatte aber schon an anderen Nähkursen teilgenommen und einen angefangenen Loop-Schal mitgebracht, den sie jetzt fertigmachen will. Während ich noch messe und schneide, rattert bei ihr schon die Nähmaschine.

Immer wieder schiele ich zu dem Tisch mit den Maschinen - jetzt müsste es doch auch bei mir endlich losgehen. Aber ich lerne, dass es ein zweites Gerät gibt, das fast so wichtig ist wie die Nähmaschine: das Bügeleisen. Denn erstmal müssen alle Stücke glattgebügelt werden. Dann wiederum gilt es, die Teile mit Stecknadeln zusammenzuheften. Und wieder gibt es was zu lernen. Denn anders als gedacht sollten die Nadeln nicht parallel zur geplanten Naht, sondern quer stecken. Dann sind sie nämlich leichter zu entfernen, sagt Schmeer. Klingt logisch - und an der Maschine zeigt sich dann auch, wie Recht sie damit hat.

Endlich darf ich loslegen. Aber nicht an meinem Projekt. Stattdessen muss ich mich erst einmal an einem Stück Probestoff versuchen. So einfach lässt die Chefin den Anfänger nicht an die kostbaren Zuschnitte. Erst als sie meine Nähte für ausreichend befindet, darf ich nun anfangen. Und muss zugeben: Das macht einfach richtig Spaß.

Jetzt kann ich verstehen, dass Schmeer für ihre Leidenschaft Nähen auch ihren eigentlichen Beruf geschmissen hat. Denn ursprünglich wollte und sollte sie Biologin werden, hatte sogar schon ihre Doktorarbeit in Angriff genommen. Zwar hat sie schon seit ihrer frühen Kindheit genäht - die Großmutter war Schneiderin - im Studium war das aber eher Ausgleich zur wissenschaftlichen Arbeit. Irgendwann wurde aber der Spaß am Nähen größer als an der Biologie. Vom Online-Shop zum eigenen Laden war es dann nicht mehr weit. Jetzt steht die 30-Jährige Tag für Tag im Laden und ist mit ihrer Entscheidung "restlos glücklich".

Ich bin mittlerweile gar nicht glücklich, denn für die Bänder habe ich zwei Stoffstreifen zusammengenäht und muss sie nun drehen - die Innenseite also nach außen bekommen. Mit Hilfe von Sicherheits- und Häkelnadeln sowie vielen Flüchen gelingt es endlich. Dann aber - so fühlt sich Glück an - geht es ganz schnell. Ein Vlies verstärkt mittlerweile die Außenwände meines Kulturbeutels, es wird aufgebügelt und dann in Form geschnitten, um dem Kulturbeutel mehr Flauschigkeit und Masse zu verleihen. Auch die Bänder sind mit wenigen Stichen aufgenäht, und eine Runde später sieht alles schon wie eine Tasche aus. Zehn Minuten bleiben noch von meinen drei Stunden Nähkurs. Sabrina Schmeer beruhigt: "Kein Problem, jetzt geht es schnell." Und sie hat Recht. Das Innenfutter ist ruck-zuck fertig und an die Außenwände angenäht. Einmal umstülpen: fertig. Und das nur wenige Minuten über der Zeit.

Zugegeben: Zu genau darf man nicht auf die Nähte schauen. Und die Fäden muss ich zuhause auch noch abschneiden. Aber so schön hatten es Bürste, Zahnbürste und Zahnpasta bei mir noch nie. Und beim nächsten Mal versuche ich mich doch noch mal am Kulturbeutel mit Aufhängung. Das wäre ja gelacht!

Geschafft: Joachim Wollschläger mit seiner Kulturtasche.

Nähkurse im Nähapartment finden dreimal pro Woche statt: montags von 10.30 bis 13.30 Uhr, mittwochs von 18 bis 21 Uhr und samstags von 16 Uhr bis 19 Uhr. Die Kurse kosten 25 Euro pro Teilnehmer. Da die Anzahl auf vier begrenzt ist, ist eine Anmeldung unbedingt erforderlich.