Stimmen, die nicht immer stimmen

Noch bis morgen läuft im Kino Achteinhalb in Saarbrücken eine kommentierte Reihe über Filmsynchronisation. Der Kurator der Reihe, der Saarbrücker Filmwissenschaftler Nils Daniel Peiler, hat nun einen lohnenden Aufsatz-Band zum Thema herausgegeben.

Als werkgetreu und quasi gottgegeben nehmen die meisten Kinogänger die Synchronisation eines Films hin. Aber vergleicht man Originalton mit deutscher Fassung, muss man immer wieder staunen: schlechtestenfalls über anders klingende Stimmen, über Verfälschungen, ob nun aus Unvermögen, Schludrigkeit, kommerziellen Gründen oder gar politischen. Es überrascht, dass das Thema in der hiesigen Kino-Publizistik bisher keine große Rolle spielt; der Saarbrücker Filmwissenschaftler Nils Daniel Peiler zeigt gerade im Kino Achteinhalb eine Reihe zum Thema (wir berichteten) und legt nun mit dem Kollegen Thomas Bräutigam den ersten wissenschaftlichen Sammelband über Synchronisierung vor. Sein Titel "Film im Transferprozess" klingt etwas sperrig, das Buch ist aber eine gelungene Sammlung von Aufsätzen, die verschiedene Facetten beleuchten: etwa die grundlegende Frage, warum Filme bei uns fast nur synchronisiert zu sehen sind - anders als in anderen europäischen Ländern. Der Grund liegt in der deutschen Nachkriegsgeschichte, wie Bräutigam erläutert: Die Siegermächte setzten bei der "Reeducation" vor allem auf das Medium Film und synchronisierten durchweg, weil diese Fassung für das avisierte Publikum die leichtestverdauliche war. Die Russen waren dabei die schnellsten, im Juni 1945 erhielt der erste russische Film eine deutsche Fassung, "Iwan, der Schreckliche" - unter der Leitung übrigens des Saarbrücker Regisseurs Wolfgang Staudte. Dass prägnante Stimmen in dieser Zeit mehr zählten als die politische Vergangenheit, zeigt sich am Beispiel von Harry Giese, der schnarrenden Stimme der Nazi-"Wochenschau"; nun avancierte er im Ost-Sektor zum gesuchten Sprecher für sowjetische Filme .

Zwei weitere der insgesamt 13 Aufsätze beschäftigen sich mit den Grundlagen der Synchron-Historie und -Arbeit, die vieles gleichzeitig lösen muss: Der Übersetzungstext muss sprachlich nah am Original sein, zudem sollen die Worte zu den Lippenbewegungen der Schauspieler passen. Die anderen Texte schwärmen in die verschiedenen Nischen aus: Da geht es um den Disney-Verleih, der einige seiner Filme , vor allem "Schneewittchen", einige Male hat neusynchronisieren lassen, um sie dem jeweiligen Zeitgeist besser anzupassen. Um die schwierige Übertragung von Wortwitzen und-neuschöpfungen bei den "Simpsons" geht es ebenso wie um bewusste Verfälschungen - etwa in einer "Columbo"-Folge, in der ein Mann (in der US-Fassung) mit seiner Vergangenheit als SS-Mann erpresst wird - in der deutschen Fassung als Bankräuber (!).

Politische Befindlichkeiten, kommerzielle Erwägungen, Kostendruck, das Problem einer adäquaten Übersetzung - die Synchronisation ist eine schwierige Kunst, die weitgehend im Verborgenen entsteht. Gut, dass dieser Band zu ihrer bisher stiefmütterlichen Erforschung beiträgt.

Thomas Bräutigam /Nils Daniel Peiler (Hrsg.): Film im Transferprozess. Schüren, 300 Seiten, 24,90 Euro.

In der Reihe "Film auf Deutsch" läuft heute "Die sieben Samurai", morgen "Die Ritter der Kokosnuss". Einführung jeweils um 19 Uhr, Filmbeginn um 20 Uhr.