Statt unterm Dach wähnt man sich auf hoher See

Auch zum Thema Fußball gibt es einen echten Ringelnatz, und zwar ein Gedicht über die Fußball-Wahn-Krankheit. Dies und viele andere Dinge spielten bei einem dem Dichter gewidmeten Abend im Atelier Reinsdorf eine Rolle.

Überall ist Wunderland. Beim Ringelnatz-Abend verwandelt sich das Atelier Reinsdorf auf wundersame Weise. Statt unterm Dach in Luisenthal wähnt man sich auf hoher See. 28 Leute sind an Bord. Dreimal so viele hätten mit gewollt, sagt Kapitän Horst Reinsdorf . Aber mehr Stühle passen nicht in die Kajüte. Regen trommelt gegen die Scheibe. Die Ozeantrommel (Tanja Endres-Klemm) rauscht, das Akkoreon (Helga Lippert) spielt "La Paloma".

Das war das Lieblingslied des Dichters, der acht Jahre lang zur See fuhr. Später war Ringelnatz (1883 - 1934) so berühmt, dass er von seinen Büchern und Vortragsreisen leben konnte.

Ein Tunichtgut sei er in jungen Jahren gewesen, mit Ach und Krach hätte er mit 18 das Einjährige bekommen, erzählt Rezitatorin Ulrike Donié. Aufmüpfig, unmoralisch, rebellisch waren seine Verse. Den Nazis gefiel dieser Stil überhaupt nicht. 1933 wurden seine Bücher und Auftritte verboten. Kurz darauf erkrankte der Dichter an Tuberkulose und starb mit 51 Jahren in Berlin.

Donié, Psychologin und Schauspielerin aus Saarbrücken, zoomt Ringelnatz ganz nah heran. Sie trägt nicht distanziert oder gar pathetisch vor, sondern nimmt die Zuhörer mit in die Gedankenwelt des Dichters. Ernst, heiter, tragisch und absurd. Alkoholisiert, auf schwankenden Füßen und leicht lallend hält dieser Ringelnatz für seine Frau Loni, die er zärtlich Muschelkalk nennt, "Die Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte." Das Saxofon swingt vergnügt wie in einer Zirkusmanege und das Akkordeon geht ans Herz. Ringelnatz liebte das Rollenspiel, ließ unfromme Kinder, den kernigen Seemann Kuttel Daddeldu und den etepeten Fürst Wittenstein auftreten. Dialoge, winzige Theaterszenen - Ulrike Donié hat sie in den Gedichten aufgestöbert.

Ab ins Bad, mit Percussion und Objekttheater. Die Saxofonistin trommelt auf einem großen Ziffernblatt herum, die Akkordeonistin scheppert mit einem Regenmacher, die Rezitatorin gießt Wasser von Kanne zu Kanne. Ringelnatz steigt in die Wanne. Mit Schwamm und Schaum. Wir sehen ihn im Geiste vor uns. Pudelnackt mit rundem Bauch und etwas krummen Beinen. Die völkische Turnerkultur, die dem Dichter widerstrebte, kommt als Parodie daher. Musikerin Tanja Endres-Klemm macht mit der Trillerpfeife vor, wie sich der Gleichschritt anfühlt. Auch zum Thema Fußball hat Donié einen echten Ringelnatz aufgestöbert, und zwar ein Gedicht über die Fußball-Wahn-Krankheit.

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