Statt Badespaß gibt's nur BarrierenIn Saarbrücken fehlen Tausende barrierefreie Wohnungen

Statt Badespaß gibt's nur BarrierenIn Saarbrücken fehlen Tausende barrierefreie Wohnungen

Saarbrücken. Freie Behindertenparkplätze gibt es vor den Saarbrücker Freibädern meist genug. Das hat aber einen eher betrüblichen Grund: Behinderte dürfen mangels Barrierefreiheit allenfalls mit getrübtem Badespaß rechnen und fahren gar nicht erst hin

Saarbrücken. Freie Behindertenparkplätze gibt es vor den Saarbrücker Freibädern meist genug. Das hat aber einen eher betrüblichen Grund: Behinderte dürfen mangels Barrierefreiheit allenfalls mit getrübtem Badespaß rechnen und fahren gar nicht erst hin.Die Bäder hinken nach Einschätzung der Gesamtbehindertenbeauftragten der Landeshauptstadt Saarbrücken, Dunja Fuhrmann, teilweise eklatant hinter den Ansprüchen des saarländischen Behinderten-Gleichstellungsgesetzes her. Dieses Gesetz soll Behinderten eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft gewährleisten und ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Dafür sollen Bauten bis Januar 2014 barrierefrei umgerüstet sein.

Unsere Zeitung hat mit der Rollstuhlfahrerin Fuhrmann drei Saarbrücker Freibäder besucht. Dudweiler hatte bei dem Test noch zu.

Das offenbarte Enttäuschungen, vor allem im gerade erneuerten Fechinger Bad. Dort sind diese Vorschriften offenbar außer Acht geblieben. Die sportlich agile Dunja Fuhrmann schaffte mit ihrem leichten Rollstuhl die etwa 20 Meter lange Rampe vom Parkplatz zum Eingang relativ gut. Ein älterer Mensch käme dort kaum hoch. Warum ist der Behinderten-Parkplatz nicht oben am Eingang? Einen hindernisfreien Weg zu den Becken gibt es in diesem Bad nicht. Überall Treppen und Stufen statt einer Rampe oder eines Serpentinenwegs.

Die einzige Behindertentoilette ist am Eingang bei der Kasse, nicht im Bad. Urteil der Behindertenbeauftragten: "Drinnen wäre Platz genug für WC, Duschen und Umkleide."

Dunja Fuhrmann widerspricht der Darstellung von Stadt-Pressesprecher Thomas Blug, wonach die - wünschenswerte - Umrüstung von Bauten viel Geld koste, das eine defizitäre Stadt nun nicht immer habe. Ihr Gegenargument: Viele kleine Erleichterungen kosten fast nichts, das Malheur rührt aus der fehlenden Sensibilität für die Belange der Behinderten her. Und oft werden gute Ansätze nicht weiterverfolgt, etwa wenn in einem Duschraum zwar ein Behindertensitz eingebaut wird - leider zwei Meter vom Duschkopf weg.

Schlechtes Beispiel Alsbachbad Altenkessel: Dort scheitern die meisten Gehbehinderten schon an der Stufe, die vom Eingangsgebäude ins Freie führt. Warum zimmert oder schweißt niemand eine kleine Rampe?

Nach 30 Metern endet der Weg für die "Rolli"-Fahrerin an der zehnstufigen Treppe hinunter zum Becken.

Herbeigeeilte freundliche Aufsichtspersonen bieten an, Frau und Stuhl zu tragen oder Einlass durch ein Nebentor zu gewähren. Das ist aber nicht im Sinne der Gehandicapten, denen es ja ausdrücklich um Selbstbestimmung geht. Sie wollen keinem zur Last fallen, sondern allein baden.

Eine positive Überraschung dann im Schwarzenbergbad, wo hinter dem Männer-WC eine erfreulich gute Sanitär- und Umkleideanlage für Behinderte wartet. Schlüssel gibt es an der Kasse.

Mitdenkende Planer haben Lücken in die Hecken geschlagen und somit ebenerdigen Zugang zu den Becken ermöglicht. Diese Wege sind aber mit Toren verschlossen. Wären sie offen, könnten alle Badegäste dort durch und würden den "Wasserweg" über die Eintretebecken meiden. Folge wäre mehr Dreck im Bad. Eine Aufsicht sperrt aber gern das Tor für die Rollstuhlfahrerin auf.

Die käme sogar über eine Rampe ziemlich gut allein ins Wasser. Fazit von Dunja Fuhrmann: "Hier ist zwar nichts nach DIN gemacht, aber es geht auch so. Kompliment!"

Richtig gut findet Fuhrmann aber die Saarbrücker Freibäder nicht. So fahren denn die Behinderten am liebsten nach Dillingen, Saarlouis-Steinrausch, Wallerfangen und Illingen-Uchtelfangen baden, wo die Wege flach sind, Toiletten und Umkleiden praktisch gebaut und wo sogar Podeste oder Lifte gebaut wurden, damit Gehandicapte selbstständig ins Wasser kommen. Saarbrücken. Zehn Leitlinien umfasst das städtebauliche Entwicklungskonzept, das als Unterpunkt zum Stadtentwicklungskonzept der Landeshauptstadt Saarbrücken gehört. Darunter fällt auch "Fit für Ältere". Auf die Bedürfnisse behinderter Menschen geht das Fachkonzept nicht gesondert ein.

Als Arno Deubel vom Stadtplanungsamt dem Behindertenbeirat jetzt das Konzept im Saarbrücker Rathaus vorstellte, erklärte er, es gebe keine konkreten Bedarfszahlen für barrierefreie Wohnungen. Aber die Nachfrage steige merklich, sagte er. Seinen Berechnungen zufolge sind etwa 6000 Saarbrücker mobilitätseingeschränkt.

Jedoch gebe es nur etwa 1000 behindertengerechte Wohnungen. Die Zahlen seien mit Vorsicht zu genießen, dennoch verdeutlichten sie die Lage. "Die Wohnungssituation wird noch prekärer werden."

90 Prozent der Wohnungen werden nach Deubels Angaben privat vergeben. Daher habe die Stadt keinen Einfluss darauf, ob barrierefreie Wohnungen Behinderten zu Gute kommen. "Wer zahlen kann, erhält den Zuschlag", sagt er. "Und das sind meist nicht die behinderten Menschen."

Herbert Temmes, Vorsitzender des Behindertenbeirats, hofft, dass die Stadt ihre "Steuerungsmittel" stärker nutze. Es werde viel getan, aber beim Verkauf von Bauflächen oder dem Umbau von Wohnungen könnten die Planer seiner Meinung nach die Barrierefreiheit einiger Wohnungen zur Bedingung machen. Warum die Planer die Leitlinie "Fit für Ältere" nicht für Behinderte abwandeln, blieb in der Sitzung unklar. dkl

"Drinnen wäre Platz genug

für WC, Duschen und Umkleide."

Dunja Fuhrmann zu Verbesserungs-

möglichkeiten

Dunja Fuhrmann, die Behindertenbeauftragte der Stadt, begutachtete auch das Alsbachbad. Dort bleibt das Außenbecken wegen dieser Treppe ohne fremde Hilfe unerreichbar. Foto: Becker&Bredel.

in Fechingen

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