Stadt ist „perfektes Biotop“ für Wildtiere

Wildtiere haben gelernt, dass sie zwischen den Häusern der Menschen leicht Nahrung finden und sich gut verstecken können. Die alten „Revier“-Grenzen verwischen. Und es scheint, als ob die Tiere das besser verkraften als der Mensch.

Wenn früher ein Fuchs am hellen Tag im Garten auftauchte, lautete der Befund meist: Tollwut! Ein Wildtier, das sich Menschen nähere, müsse krank im Kopf sein, hieß es. Heute, wo die Tollwut übrigens ausgerottet ist, weiß man es besser: Der Fuchs ist nicht krank, sondern schlau und neugierig. Er findet bei den Häusern ohne viel Aufwand leckere Nahrung und Unterschlupf. Er hat seine natürliche Scheu vor den Menschen abgelegt, nachdem er "gelernt" hat, dass ihm hier wenig geschehen kann und dass er hier und da sogar angefüttert wird. "Die Zeiten, in denen die Stadt den Menschen und der Wald den Tieren gehörte, sind endgültig vorbei. Auf der Suche nach dem besten Lebensraum rücken uns die Wildtiere immer mehr auf den Pelz", beschreibt Förster Carsten Federspiel die Lage mit einem hübschen Bild.

So kurios es klingt, aber die Verwischung der ehemaligen "Revier"-Grenzen scheinen die Tiere bisweilen geschmeidiger anzunehmen als der Mensch. Als neulich im Saarforst-Revier Scheidterberg ein verletzter Fuchs zwischen der Bebauung auftauchte, führte das zu Aufregung und einem mehrstündigen Einsatz von Polizei und sonstigen Behörden - die Stadtbevölkerung war mit der Begegnung - noch - nicht klargekommen. Revierleiter Federspiel hat da nur einen einzigen Rat: "Wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Stadt ein perfektes Biotop für Fuchs, Wildschwein, Reh, Marder und andere Tiere ist. Saarbrücken ist von Wald umgeben, da ist es für die Tiere ein Leichtes, direkt downtown reinzukommen. Sie erobern sich unseren Raum." Verhindern könne man das nicht, aber einschränken, weiß der Förster: Man müsse den Tieren unbedingt ihre Wildheit lassen, sie nicht verhätscheln oder gar füttern. Konkret: keine Tiernahrung wie Katzenfutter auf der Terrasse stehen lassen, keine Essensreste auf den offenen Komposthaufen, keine offenen Müllgefäße, Fallobst wegsammeln, Keller- und Dachfenster schließen, Rückzugsmöglichkeiten verbauen (Hohlräume unter Terrassen und Gartenhäusern) und vor allem: Zäune bauen! Gegen Wildschweine müssen sie 1,5 Meter hoch sein und tief im Boden verankert.

Nach Beobachtung von Federspiel sind Fuchs und Steinmarder die ersten Wildtiere , die bereits in der Stadt "wohnen", nicht nur "zu Besuch" kommen. Anders das Wildschwein, das seinen Nachwuchs nicht in der Stadt gebiert und aufzieht (wie etwa in Berlin). Die Wildschweine werden von der Stadtbevölkerung wegen ihrer Größe gefürchtet. Weil sie auf ihren Streifzügen Schäden in Gärten und Rasenanlagen anrichten, gelten sie als Plage. In den vergangenen Monaten ist es in Saarbrücken durch Bejagung gelungen, die Wildschweine weitgehend aus dem Stadtbild zu verdrängen. Eine Gefahr für den Menschen stellen sie nach Expertenmeinung ohnehin nicht dar. Bei Begegnungen flüchten die Tiere meist. Auf keinen Fall sollten sie in die Ecke gedrängt, mit Waffen angegriffen oder mit Hunden attackiert werden. Wer eine konkrete Gefahr annimmt, sollte per Notruf die Polizei verständigen.

Wenn ein Wildschwein einen Golfplatz umgepflügt, ein Reh die Rosen gefressen und ein Marder die Isolierung des Wintergartens zerstört hat, dann besteht keinerlei Ersatzanspruch. Die Tiere sind "herrenlos", gehören also niemandem, der für ihre Schäden in "befriedeten Bezirken" einstehen könnte. Hier ist jeder für die Sicherung von Grundstücken und Gebäuden selbst verantwortlich. Es gibt keinen Anspruch des Bürgers an den Staat, Bestände zu reduzieren und rein rechtstheoretisch darf eine 200-Kilo-Sau über die Bahnhofstraße bummeln.

Die Tiere, die als nächste als Einwanderer ins Saarland erwartet werden, sind Marderhund und Waschbär. Letzterer kommt in großer Zahl aus Hessen. Er ist sehr lern- und anpassungsfähig und liebt Dachböden und Gartenschuppen. In Marburg wird an die Bürger bereits ein Leitfaden über den Umgang mit Wildtieren verteilt. Vielleicht keine schlechte Idee für Saarbrücken .

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auf einen blickFörster Carsten Federspiel und sein dreijähriger Hannoverscher Schweißhund Bruno sind ein im ganzen Land gefragtes Team für die "Nachsuche" von verletztem, leidendem Wild. Erstens haben sie die ehrenamtliche Aufgabe, mögliche Gefahren für die öffentliche Sicherheit auszuschließen. "Zweitens sind wir es der Kreatur schuldig", nennt der Jäger ein tierschützerisches Motiv. Die beiden sind schon mehrfach von kranken Tieren angegriffen, aber noch nie verletzt worden. Sicherheit ist oberstes Prinzip: Suche nur in heller Schutzausrüstung, bei Bedarf Begleitung durch erfahrene Jäger. wp