Sprechtheater fällt durchs Raster

Heute entscheidet der Kulturausschuss des Saarbrücker Stadtrates über die Vergabe der Zuschüsse für die "Freie Szene". Wie immer übersteigt die von Kulturschaffenden beantragte Fördersumme die zur Verfügung stehenden knappen Mittel. Das Kulturamt hat daher in seiner Vorlage einige Anträge abschlägig beschieden. Nur drei der rund 29 Anträge betreffen Schauspielproduktionen, zwei davon gehen leer aus.

Saarbrücken. Wird die Gattung Schauspiel durch die städtische Förderpolitik benachteiligt? Diesen Eindruck hat jedenfalls die Saarbrücker Schauspielerin Birgit Giokas vom Parnaß-Theater. Sie wollte im Herbst zusammen mit ihrem Kollegen Dieter Meier (Dudweiler Statt-Theater) unter der Regie von Fred Woywode das Stück "Die englische Geliebte" von Marguerite Duras auf die Bühne bringen. Die Begründung für die Ablehnung, die ihr die Verwaltung mündlich mitteilte, hat Giokas verärgert. Man habe ihr gesagt, man habe die Vergabekriterien diesmal wegen der vielen Anträge sehr streng anwenden müssen und dass der Schwerpunkt der Förderung auf Musik und Musiktheater liege. "Daraufhin habe ich scherzhaft gefragt, wenn Herr Woywode das Duras-Stück als Oper inszenieren würde, würden wir also Geld bekommen ? - und da antwortete man mir ja oder wahrscheinlich ja." Das könne man doch nicht ernsthaft verlangen, ärgert sich Giokas, "Die englische Geliebte" sei ein sehr gutes Stück und in Saarbrücken noch nie aufgeführt worden.Auch die Schauspielerin Barbara Scheck ärgert sich über die Ablehnung ihres Projekts. Sie wollte die Komödie "Zwei kleine Damen auf dem Weg nach Norden (2008)" von Pierre Notte realisieren, die in Frankreich für den Moliere-Preis nominiert und zum Berliner Stücke-markt eingeladen wurde. "Wir wollten sogar eigene Musik dazu schreiben, das wäre doch innovativ gewesen", sagt Scheck, doch man habe ihr erklärt, das Stück werde in vielen deutschen Stadttheatern gespielt und sei nicht innovativ genug.

Die Stadt Saarbrücken fördere schwerpunktmäßig "ambitionierte Projekte, die einen hohen künstlerischen Anspruch verfolgen und nach neuen ästhetischen Wegen suchen", besagt denn auch die Verwaltungsvorlage. Und: die "Suche nach neuen Ausdrucksformen und die Kreation von Uraufführungen" hätten als Kriterium für die Förderungswürdigkeit hohe Priorität. "Wir sollen nicht nur gute Schauspieler sein, sondern jetzt zusätzlich auch noch gute Stückeschreiber, das ist schon etwas viel verlangt", ärgert sich Barbara Scheck. Wenn man eine Revue mache, passe das der Stadt auch nicht, "denn das ist dann zu lustig". Schauspiel sei eben nicht das Steckenpferd des zuständigen Referenten und deshalb ohne Chancen.

"Das Grundproblem ist, dass es zu viele gute und berechtigte Anträge gibt", sagt Kulturdezernent Erik Schrader. Deshalb müsse man Förderschwerpunkte setzen und manchmal eben Entscheidungen treffen, die für Einzelne schmerzlich seien. Natürlich könne man, auch kritisch, anmerken, dass ein Schwerpunkt bei Musik und Performance liege und das Schauspiel - auch dieses Jahr - nicht herausragend gefördert werde. Man nehme aber den innovativen Charakter der Projekte sehr wichtig, verteidigt Schrader die Entscheidungen, denn man wolle ja, dass sie "von Saarbrücken aus ins Bundesgebiet gehen und dann auch die Innovationskraft der Freien Szene unterstreichen, quasi als Visitenkarte von Saarbrücken". Grundproblem bleibe aber, dass 100 600 Euro Fördermittel zu wenig seien für die mittlerweile starke "Freie Szene". Sein Dezernat habe mehrfach versucht, die Fraktionen zur Aufstockung dieses Postens zu bewegen, sagt Schrader. Als die SPD vor drei Jahren einen entsprechenden Antrag stellte, hätten es FDP und CDU abgelehnt, als die FDP es beantragte, hätten SPD, Grüne und Linke dagegengestimmt. "Das ist das Interessante, wer gerade in der Opposition war, hat es unterstützt, die Mehrheit war immer dagegen."

Der Kulturausschuss tagt heute, 16 Uhr, im Rathaus St. Johann, Saal 126.