Spiel mit Geschlechterklischees

Weinhandlung, Kunstgalerie oder frauenbewegter Friseursalon? Am Freitag wusste man im Sali e Tabacchi nicht mehr, was Männchen und was Weibchen ist.

Zwischen guten Tröpfchen tummeln sich Stand-Trockenhauben und Herren in wild gemusterten Frisierumhängen. Die ganz Mutigen haben sich Haarklemmen und Schleifchen aufs Haupt drapiert, was sich vor allem bei Exemplaren mit breitem Scheitel ganz allerliebst ausnimmt - passend zu Fotografien von mehr oder weniger ernst dreinblickenden Männern in quietschbunten Umhängen mit Lockenwicklern. Porträts und Umhänge stammen von der Hamburger Fotokünstlerin und Kostümdesignerin Astrid Schulz, die heute in London lebt. Zu ihrer Serie "Hairdressers", einem amüsanten Spiel mit Geschlechter-klischees, inspirierte sie das Buch "Die Töchter Egalias: ein Roman über den Kampf der Geschlechter". 1977 erschienen, gehörte das utopische Werk der norwegischen Autorin Gerd Mjøen Brantenberg bald neben Verena Stefans "Häutungen" zu den Bestsellern in feministisch bewegten Wohngemeinschaften.

Im matriarchalischen Egalia ist Weibliches die Norm, Männer gelten als untergeordnetes Geschlecht. Der Saarbrücker Autor Jörg W. Gronius las bei der Vernissage einige Kapitel und hatte die Lacher auf seiner Seite - nicht zuletzt, weil Brantenberg mit ihrem rigoros feminisierenden Sprachgebrauch manche Absurditäten der heutigen Gender- Mainstream-Debatte ironisch vorwegnahm. Kerle verlieren die "Befrauschung", halten Herrenkränzchen ab und tragen Lockenwickler im Bart. Mitglieder von Männerselbsterfahrungsgruppen haben fortlaufend Grund, sich zu schämen, sei es ihrer Unfähigkeit zu menstruieren oder ihrer blanken Schädel. Und so besteht wahrhafte Demannzipation im rebellischen Nein zum Toupet: Denn im Lande Egalia löst nackte Haut beim Betrachter ein ähnliches Entsetzen aus wie heutzutage eine unrasierte Achsel oder ein behaarter Schamhügel. Dass Schulz zwölf pastellige Motive als mit bonbonfarbenen Passepartouts versehene, limitierte Sonderedition in Saarbrücken zeigt, verdankt sich einem internationalen Kunstaustausch des hiesigen Fotografen Jörg Karrenbauer. Zehn Prozent des Verkaufserlöses gehen an die Erdbebenopfer in Tibet. Die Ausstellung ist bis 5. Juni zu sehen.

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