So hoch, wie es nur geht

Verletzt und trotzdem dabei: Ein Nasenbeinbruch kann Cheerleader doch nicht dazu bringen, eine Meisterschaft sausen zu lassen. Trotzdem hat ein Zwischenfall während des Trainings der Purple Diamonds für eine Schrecksekunde gesorgt. Als sich ein Sportler vor Schmerzen am Boden krümmte.

Die Regeln sind hart: Wer zu spät kommt, muss löhnen. Und das nicht zu knapp. Fünf Euro pro Minute. "Das haben wir gleich am Anfang so eingeführt." Corinna Buff klingt resolut. Denn die Trainerin bei der St. Wendeler Cheerleader-Gruppe Purple Diamonds will mit Coach Pablo Becker das Team zum Erfolg führen. Da sei Disziplin oberstes Gebot. Patzer, weil Mitglieder während des Trainings bummeln, lässt sie nicht durchgehen. "Wir fahren dahin, um den Titel zu gewinnen", sagt sie unmissverständlich. "Da geht es um alles oder nix."

Und genau so rigide präsentiert sich Pablo. Mit ernstem Gesichtsausdruck steht er vor der Gruppe. Deren Sportler sitzen auf dem Boden, dehnen und strecken sich. Machen sich warm. Vor ihnen liegen drei Stunden Schweiß treibendes Training in der Sporthalle des Kaufmännischen Berufsbildungszentrums (KBBZ) in der Jahnstraße.

Corinna klatscht fest in die Hände, es hallt laut. "Auf! Geht auf Eure Positionen!" Einige Sekunden später sind die 15 Männer und neun Frauen auf den entsprechenden Plätzen ihrer Ausgangsformation. Zwei verletzte Sportler schauen ihren Kollegen zu. "Musik läuft", kündigt die Co-Trainerin an und blickt auf einen Monitor. Auf dem flimmern die Probenbilder, die aktuell aufgezeichnet werden. Anschließend kann sie anhand des Films etwaige Ungenauigkeiten mit den Tänzern besprechen. Coach Pablo stellt sich ebenfalls auf, Trainer und Akteur zugleich.

Wummernde Beats dröhnen durch die Halle. In der einen Sekunde stehen die Akrobaten regungslos da. Im nächsten Moment beginnt die Action. Jeder Schritt passt, jede Bewegung synchron. Die Hebungen sitzen. Dann stoppt Corinna die Musik, mitten in der Choreografie. "Das sieht schlimm aus", raunzt sie das Team an. Kein Raum für Höflichkeit. Denn die Deutsche Meisterschaft naht. Und auch für Pablo ist klar: Hier muss noch kräftig justiert werden. Mit seinen Worten "Sieht rihtig Scheiße aus!" Der Spagat war zu spät. Und der Sprung saß auch nicht. Ist sich das Trainergespann einig.

Schweiß treibene Minuten

Zweite Runde, erneut Aufstellung. Ohne langes Fackeln geht's von vorne los. Zweieinhalb Minuten dauert die Performance. Schweiß treibende zweieinhalb Minuten. Währenddessen die Männer ihre kerzengerade stehenden Partnerinnen auf einer Hand jonglieren. Kurz darauf die Sportler in die Höhe katapultiert werden. Dazu zählen alle lauthals den Takt auf Englisch. Trotz Anstrengung lächeln die Sportler ins imaginäre Publikum. Die Musik ist aus. Corinna applaudiert ihren Jungs und Mädels. Dann die erlösende Botschaft: "Das sah jetzt besser aus."

Dann fällt ihr ein: "Wir haben noch was vergessen: Leonie hat Geburtstag." Sofort stimmen alle ein Ständchen an. Ja, auch an Geburtstagen wird hart trainiert. Nur eine kurze Verschnaufpause. Dann proben die Diamonds in Einzelgruppen die akrobatischen Einlagen. Immer und immer wieder. Die Hochleistungssportler spornen sich gegenseitig an. Stehen die Mädels ganz oben auf und die Figur stimmt, brandet Jubel der übrigen auf. Gegenseitig anfeuern verleiht Motivationsschübe.

Spaß trotz Leistungsdruck

Auch wenn der Druck hoch ist: Der Spaß, mit dem alle an die Sache herangehen, ist zu spüren. Der Ehrgeiz treibt sie an. Und lässt sie viele Entbehrungen in ihrer Freizeit verknusen. Corinna: "Wettkämpfe werden beim Jahresurlaub fest eingeplant." Sollte jemand beispielsweise wegen eines Auslandsaufenthalts nicht am Training für Turniere teilnehmen können, muss er das Jahr aussetzen. Das sei die strenge Regel, die sich die Cheerleader selbst auferlegten. Die Wettkampfsaison umfasse die Monate März bis Juni/Juli, berichtet sie. In dieser Zeit sei die verfügbare Freizeit besonders rar. Denn intensive Vorbereitungen gingen dann vor.

Plötzlich abrupte Trainingsunterbrechung: Ein Sportler liegt am Boden, hält sich das Gesicht. Jonas Steinbrecher hat starke Schmerzen. Er rennt aus der Halle zu den Toiletten. Hinter ihm auf dem Boden: Blutstropfen. Kollegen laufen ihm hinterher. Kurz darauf ist klar: Nase gebrochen, ab in die Klinik. Bei einem Wurf gab's einen unglücklichen Zusammenstoß.

Doch der Zwischenfall ist kein Grund, das Training zu beenden. Sofort legen die übrigen Jungs und Mädels wieder los. "Wir müssen jetzt umstellen", sagt Corinna. Das geht in Windeseile. Alle finden ihren Platz, von dem es in die entsprechenden Tanzformationen geht. Dann läuft wieder die Musik an. Die durchtrainierten Akrobaten wirbeln wie vor dem Unfall umher.

Das zeitintensive Hobby kostet auch Geld, und das nicht zu knapp. Allein für die Uniform müssten bis zu 200 Euro locker gemacht werden. "Der Verein gibt uns einiges dazu", berichtet Corinna. Die Purple Diamnonds sowie die beiden weiteren Cheerleader-Gruppen Wild Diamonds (überwiegend Frauen) und Mighty Diamnonds (Nachwuchs) gehören als Abteilungen dem St. Wendeler Turnverein 1861 an. Damit die Kosten nicht komplett an Verein und Mitgliedern hängen bleiben, stünden Sponsoren parat. Weitere Einnahmequelle: Die Diamonds sind für Veranstaltungen zu buchen.

Corinna geht zurück an ihr Schaltpult. Sie macht sich auf einem Block neben ihrem Rechner eilig Notizen. Schreibt Namen auf. Nach der erneuten Runde ruft sie den entsprechenden Kollegen zu sich: "Das hat alles gesessen, aber es sah gequält aus." Der Cheerleader blickt auf den Mitschnitt am Computer. Kurzes "Okay". Dann die nächste Tour.

Drei Stunden vergehen wie im Fluge. Corinna und Pablo sind am Ende zufrieden. Zudem kommt die erlösende Nachricht vom verletzten Jonas: "Die Nase ist gebrochen. Aber ich bin bei der deutschen Meisterschaft dabei." An diesem Samstag im sächsischen Riesa.

Fotos vom Training der St. Wendeler Cheerleader Purple Diamonds sind auf der lokalen Facebook-Seite der Saarbrücker Zeitung zu sehen. Dort gibt es zudem ein Video vom Auftritt während der Weltmeisterschaft in Orlando/Florida.

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Kraft und Körperspannung sind Voraussetzung.
Eine Sportlerin wird von ihrem Partner aufgefangen.
Acht Akrobaten lassen acht Sportlerinnen jeweils auf einem Arm balancieren. Dies ist ein Teil der Gesamtchoreografie der Purple Diamonds. Fotos: Iris Maurer.

Zum Thema:

Auf einen BlickTurnverein 1861 St. Wendel hat drei Cheerleader-Gruppen: Purple Diamonds (16 bis 28 Jahre) mit 17 Männern und neun Frauen, Wild Diamonds (gleiches Alter) mit überwiegend weiblichen Cheerleadern, Mighty Diamonds (Nachwuchs bis 16 Jahre). hgntv-wnd.de/abteilungen/cheersport