Selbstversuch: Ein Kunstwerk malen bei einer Artnight in Saarbrücken mit Annette Orlinski

Kreativer Abend : Mit Wasser und Sekt zum Kunstwerk in zwei Stunden

Die Einen entdecken den Renoir in sich, die anderen experimentieren ein wenig mit Bleistift und Acryl. Welche Rollen Schwarz und Weiß beim Malen eines bunten Blumenstraußes spielen und ob Abmalen wirklich Kunstwerke hervorbringt, hat unsere Autorin versucht bei einer „Artnight“ in Saarbrücken herauszufinden.

Sieben Kleckse Acryl sind auf dem Pappteller vor mir angerichtet, jeder so groß wie ein Ein-Cent-Stück. Noch kann ich mir nicht vorstellen, dass sich die Farbe am Ende dieses Abends zu einem kleinen Kunstwerk fügen soll. Und zudem ausreichen wird, um die etwa 30x40 Zentimeter große Leinwand zu füllen. Mit mehreren anderen sitze ich an einer langen Tafel, an deren Ende eine bereits bemalte Leinwand etwas erhöht auf einer Staffelei steht, so, dass jeder sie sehen kann. Das Motiv des Abends ist ein bunter Blumenstrauß, der in einer Eiswaffel steckt. Die Farben wirken wie Aquarell, ein Effekt, den man durch das Mischen der Acrylfarbe mit Wasser erzeugen kann, lernen wir. Das Bild ist äußerst dekorativ. So könnte auch unser Kunstwerk am Ende aussehen. Falls Abmalen tatsächlich als Kunst gelten sollte.

Foto: Patricia Müller

Meine Sitznachbarin, Susann Hänig aus Saarbrücken, hat sich ebenfalls angemeldet, um heute die „Blumenwaffel“ zu malen. Sie deutet meinen Blick auf den Pappteller und fragenden Gesichtsausdruck richtig. „Die Farbe reicht! Ich hätte es beim ersten Mal auch nicht gedacht, aber es geht!“

Annette Orlinski leitet uns durch den Abend. Die umtriebige Saarbrücker Künstlerin fertigt sonst Papierschnitte, designt Mode und engagiert sich in Kunstprojekten. Nun malt sie auch zwei Mal die Woche mit Teilnehmern der „Artnight“ in ihrem Atelier in der Gersweiler Straße kleine Gemälde.

Wir beginnen mit dem Bleistift. Zunächst zögerlich zeichnen alle ein großes V. Wir unterteilen die Form, folgen stets Annettes Anweisungen und zeichnen dann Rechtecke, die später die Struktur der Waffel darstellen sollen. Bald kritzele ich mit der Stiftspitze immer routinierter über den gespannten Stoff. Immerhin ist auch ein Radiergummi am Ende des Bleistifts angebracht; das schafft Sicherheit.

Annette Orlinski gibt „Artnight“-Teilnehmerin Lena Tarantini aus Ramstein-Miesenbach Tipps beim Malen. Foto: Patricia Müller

Es dauert ein paar Minuten, dann werfen die Ersten vergleichende Blicke zu den Nachbarn. Radiergummis werden übers Papier gerubbelt, hinterlassen graue Schlieren, zwischendurch immer wieder nachdenkliche Stille. „Nicht zu viel Nachdenken“, hat Annette gesagt. Dann höre ich Gekicher von links, beschämte Aussagen über das bisher Gezeichnete, Selbstzweifel… Geradezu gehemmt wirkt so manche Teilnehmerin, als schließlich das Signal kommt, zur Farbe zu greifen. Der Radiergummi wird jetzt nicht mehr helfen. Annette beruhigt uns mit einem Hinweis auf die weiße Acrylpaste auf unserem Teller: „Weiß rettet alles.“

…auch ich kann mich noch nicht so recht frei von Zweifeln machen. Ich schaue nach rechts. Meine Nachbarin hat die Kästchen viel kleiner gemalt. Und das sieht gut aus. Meine Arbeit ist jedoch bereits so weit fortgeschritten, dass hier wohl kein Weiß mehr hilft. In Wirklichkeit haben Eiswaffeln auch nicht so große Aussparungen, wie die, die ich gemalt habe. Eigentlich sieht meine Waffel noch gar nicht nach Waffel aus. Auch wenn ich die Anleitung befolgt habe, fehlt diesem Gebilde etwas Plastizität. Annette ist zur Stelle, ihr Rat: „Mehr Schwarz!“

Foto: Patricia Müller

Schwarz, Weiß und fünf Farben stehen zur Verfügung. Alle Materialien, auch Acryl, Leinwand, Pinsel, Staffeleien und Schürzen, sind inklusive. Zum Konzept gehört auch das Drumherum. Das Zusammensein, zusammen Malen, die lockere Atmosphäre, der Sekt.

Zwar sagt Annette, „falsch gibt es nicht“, allerdings freunde ich mich immer noch nicht mit meiner Waffel an. Sie wirkt mittlerweile plastisch, allerdings trägt das viele Schwarz nun dazu bei, dass sie mehr als kross gebacken aussieht. Ich entdecke, dass Gold die richtige Wahl ist, um die Waffel knusprig und wieder essbar aussehen zu lassen.

Wir machen uns an die Blüten, hier beginnt die freie Arbeit. Wir dürfen malen, was wir wollen. Ich bin überfordert. Aus dem Stegreif könnte ich eine passable Tulpe malen, aber… ich tippe „Pfingstrose“ in mein Smartphone. Das könnte gehen. Außerdem klaue ich mir Lavendel aus einer Vase im Atelier, versuche ihn auf der Tischdecke mit Bleistift zu zeichnen, so wie Annette es geraten hat. Noch bin ich zu detailverliebt. Annette macht vor, wie es gelingt, greift zum Pinsel, malt mal eben aus dem Handgelenk einen abstrakten Lavendel auf die Tischdecke, bei mir fällt der Groschen. Weg von der präzisen Vorlage!

„Darf es noch etwas Gold sein?“ Um mich herum wird kräftig nachgeordert. „Einmal alles bitte!“ Neue Farbe wird aufgetragen, während ich versuche, mein Werk aquarelliger zu machen. Wasser, mehr Wasser! Mein Pappteller wird zur Malerpalette, beginnt in der Mitte aufzuweichen. Die flüssige Farbe bleibt nicht dort, wo ich sie haben will, bildet ein Rinnsal auf der Leinwand, läuft quer über die Eiswaffel, macht auch nicht an der Spitze halt und tritt aus der gemalten Leckerei aus, fast wie braunes Schokoeis, das zu schnell geschmolzen ist. Ich greife zur Serviette und stoppe den Fluss. „Einmal neue Servietten bitte!“

Annette weist freundlich auf die Zeitbegrenzung hin. „Nicht in Panik verfallen. Eineinhalb Stunden sind jetzt vorbei.“ Schiebt dann schnell hinterher, dass sie uns natürlich nicht rauswerfe, wenn es etwas länger dauere. Das Motiv sei schwer in zwei Stunden zu schaffen.

Foto: Patricia Müller

Ich bin fast fertig, mittlerweile entspannt und zufrieden. Mein Kopf ist ausgeschaltet. Mit verdünntem Schwarz male ich wild durch die vorher so sorgfältig vorbereiteten Pfingstrosen, ergänze Blüten, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie existieren. Meine Fantasie hat mein Handgelenk im Griff, mein Handybildschirm ist wieder dunkel, das Foto der Pfingstrose nicht mehr zu sehen. Ganz vertieft tauche ich meinen Pinsel zum Spülen beinahe ins Sektglas statt in den Wasserbecher.

Manch andere hat den Pinsel bereits niedergelegt und eine Signatur auf die Leinwand gesetzt. Sie bestaunen die Gemälde der anderen, ziehen Vergleiche, verteilen verbales Schulterklopfen – es gibt Favoriten. Nicht alle haben den Renoir in sich entdeckt, nicht überall scheinen Weiß und Schwarz alles gerettet zu haben, dennoch wirken viele stolz. Manch eine hätte nicht gedacht, dass es dann doch so gut werden würde. Schließlich ist es das Versprechen von „Artnight“, dass niemand Vorkenntnisse braucht. Es gehe um den Spaß am Malen und darum, womöglich längst vergessenes oder eingeschlafenes Talent wiederzuentdecken.

Ich glaube, Rosen, Veilchen und Vergissmeinnicht zu erkennen. Die Vielfalt der Blumenwaffeln ist wirklich beachtlich. Mal sitzt eine große Blüte in der Mitte, mal ranken die Blumen bis ans obere Ende der Leinwand. Grüne Blätter und blaue Beeren füllen die Zwischenräume. Jeder nimmt am Ende des Abends sein individuelles Bild mit nach Hause. Ein bisschen Kunst, war es also schon.

www.artnight.com/saarbruecken

Das Ergebnis. Foto: Patricia Müller

www.kokon-freiraum.de