Schusswechsel im Schwarzlicht

Mit gebündeltem Infrarotlicht markieren (engl. taggen) sich Spieler beim „Lasertag“. Wer Gegner trifft, sammelt Punkte. Getroffene machen Miese. Ein neuer Trend, der Schießspiele aus dem Computer wahr werden lässt?

Ein Alarm, als wäre unser Raumschiff von Marsianern überfallen worden, treibt mich mit neun weiteren meines Teams eine Treppe hoch. Dann liegt die Arena vor mir: ein nebeliges Labyrinth aus schwarzen Wänden und Mustern aus Neonfarbe, die im Schwarzlicht leuchtet. Ich folge ein paar Jungen durch die Dunkelheit und ducke mich schließlich in einer Ecke. Wie eine Zielscheibe wird meine mit Sensoren versehene Weste gleich die Treffer von Lasern zählen. Auch ich kann gleich meine Laser-Waffe benutzen, die ich in beiden Händen halte. Sie ist schwarz, 50 Zentimeter lang und aus Plastik. An meinen verwundbaren Stellen leuchte ich blau.

In der Nähe höre ich bereits die Laser-Waffen. Der Ton erinnert an Soundeffekte aus einem Kinderfilm. In der Aufregung habe ich nicht bemerkt, dass ich schon getroffen werde. Hinter mir steht ein grünes Männchen und schießt mich ab. Sein Laser hat mein blaues Licht ausgelöscht. Punkte zu erzielen, ist Ziel des Spiels namens "Lasertag": plus 100, wenn ich treffe, minus 50, wenn ich getroffen werde. Es ist an der Zeit, grüne Gegner zu "markieren", so der Sprachgebrauch. Ich finde Schutz in einem Teil des Labyrinths, von hier aus sehe ich viele Gegner. Ich treffe, treffe und treffe immer wieder. Mit kleinen Glücksgefühlen, getroffen zu haben, sammele ich weiter Punkte, werde hin und wieder auch selbst getroffen.

Zurück im Vorraum der Arena, einer Lounge, in der Comic-Helden an den Wänden kleben und Technomusik aus den Lautsprechern schallt, um die Spieler bereits hier in den Superhelden-Modus zu versetzen, stehen nach dem 15-minütigen Spiel alle Teilnehmer vor einem Bildschirm mit den Platzierungen. Ich, mit der Weste Nummer 14 vom blauen Team, bin auf dem sechsten Platz. Hulk und Spiderman schauen stolz von den Wänden auf mich herab.

"Lasertag" kann im Saarland im "Lasertrek" in Saarlouis und im "Laserground" in Saarbrücken gespielt werden. Der Inhaber des erst vor wenigen Monaten eröffneten "Laserground", Walter Ries, sagt, "Lasertag" sei ein (Team-)Sport. Es gehe darum, Punkte zu sammeln. Und egal, ob groß, klein, dick oder dünn: In der dunklen Arena seien alle gleichgestellt, dadurch dass die Sensoren alle gleich groß sind. Es gehe bei "Lasertag" nicht darum, andere zu eliminieren, die dann aus dem Spiel ausscheiden, daher die fünf Sekunden Schonzeit. Die Treffer tun nicht weh, in Wahrheit ist der Laser auch nur gebündeltes Infrarotlicht, das den Augen nicht schadet.

Ist "Lasertag" also gewaltfrei, wenn die Treffer nicht schmerzen, das Abschießen nur ein Markieren ist und der Sportgedanke im Vordergrund steht? "Auch wenn man ‚Lasertag' als Sport betrachtet, kann es dort trotzdem auch um Gewalt gehen", sagt der Sozialpsychologe Prof. Malte Friese von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken . "Viele Forscher würden es vermutlich als gewalthaltig einstufen, selbst wenn die Spieler keine körperlichen Schäden erleiden. Das Spiel ist ein Schusswechsel-Szenario. Und auch wenn das Vokabular anders ist: Es geht ums Abschießen." Studien wiesen nach Frieses Angaben darauf hin, dass bei gewalthaltigen Computerspielen eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit für aggressives Verhalten bei Spielern auftreten könne. Diese Ergebnisse könnten auch für "Lasertag" gelten. Einige Wissenschaftler würden vielleicht sogar noch stärkere Zusammenhänge annehmen, weil es eben realistischer ist als Computerspiele. Friese: "Man handelt tatsächlich und nicht nur virtuell."

Das Mindestalter für das Spielen im "Laserground" Saarbrücken ist zwölf Jahre in Begleitung eines Erwachsenen. Ab 16 Jahren ist es auch ohne Begleitperson gestattet. Die Besucher kämen oft in Gruppen: Firmenfeiern, Junggesellenabschiede bis hin zu Fitnesskursen - auch Kindergeburtstage und Schulklassen, sagt Walter Ries. Unter Jugendamtlern ist die Haltung zweigeteilt, berichtet Stefan Kiefer, Sprecher des Regionalverbands Saarbrücken . Manche Mitarbeiter sehen "Lasertag" als Kriegsverherrlichung, andere wollen aktiv damit umgehen. Beispielsweise würden Jugendzentren die Arena besuchen und das Spiel im Nachhinein pädagogisch aufbereiten. "Das Jugendamt verurteilt das Spiel nicht grundsätzlich. Es ist ein Bestandteil der Jugendkultur."

MEINUNGSo bedenklich wie Völkerball

Taktisch spielen, gut zielen: Wer mit dem „Laser“ Punkte sammeln will, muss seine Deckung auch mal aufgeben. Fotos: Oliver Dietze

Von SZ-Redaktionsmitglied Patricia Müller

Zugegeben, es gibt brutale Ballerspiele für Computer, die gnadenlos real scheinen. In denen Spieler mit Schrotflinten durch verlassene Fabrikgelände schleichen und Gegner erschießen. Doch "Lasertag" ist eher das Dosenwerfen unter den Schießspielen. Und keineswegs ein zum Leben erwecktes Computerspiel. Niemand knallt mit Knarren, keiner wird verletzt. Spieler bewegen sich - und Bewegung baut bekanntlich Aggression ab, die Ballerspielen so oft nachgesagt wird. Das ist doch auf jeden Fall besser als Zuhause alleine vor sich hin zu daddeln. Wer "Lasertag" bedenklich findet, sollte auch alte Kinderspiele mal ins Visier nehmen. Völkerball etwa ist im Vergleich dazu Krieg für Kinder: Volk gegen Volk bis der letzte Überlebende auf dem Feld mit einem Ball getroffen wird. Nicht jeder Faschings-Cowboy mit Platzpatronen in der Pistole ist gleich ein potenzieller Amokläufer.