Schüler in Sorge um Gesamtschulen

Saarbrücken. Das Telefon von Katja Krächan steht derzeit kaum still. Die Vorsitzende der Landeselternvertretung der Gesamtschulen berichtet von einem Sturm der Entrüstung bei vielen Eltern von Gesamtschülern im Saarland, der bei ihr anbrandet. Die Eltern fürchten um die Oberstufe an den Gesamtschulen und damit um einen aus ihrer Sicht bewährten Weg zum Abitur in neun Jahren

Saarbrücken. Das Telefon von Katja Krächan steht derzeit kaum still. Die Vorsitzende der Landeselternvertretung der Gesamtschulen berichtet von einem Sturm der Entrüstung bei vielen Eltern von Gesamtschülern im Saarland, der bei ihr anbrandet. Die Eltern fürchten um die Oberstufe an den Gesamtschulen und damit um einen aus ihrer Sicht bewährten Weg zum Abitur in neun Jahren. Schüler protestierten am Mittwoch bei der Herbstkonferenz der Gesamtschulleiter in Dirmingen.

Anlässe sind nach SZ-Recherchen zum einen Äußerungen aus der CDU-Landtagsfraktion, aus denen Lehrer, Eltern, Schüler und die Opposition den Schluss gezogen haben, dass die bestehenden Oberstufen in Türkismühle und in Marpingen mit ihren elften und zwölften Klassen zu Gunsten einer zentralen Oberstufe in St. Wendel aufgegeben werden könnten (wir berichteten). Zum anderen sorgt offenbar eine landesweite Anzeigenveröffentlichung durch den Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU) für Ungemach. Das von der Regierung angekündigte Schulverbundsystem, das ab 2009 mehr Wege zum Abi vorsieht, wird dort so erklärt: "Dann werden alle Erweiterten Realschulen und alle Gesamtschulen dazu verpflichtet, eng mit benachbarten Gymnasien bzw. mit einem Oberstufengymnasium zu kooperieren. Dorthin sollen die Schüler nach der 10. Klasse wechseln - wenn sie Abitur machen wollen." Für Krächan heißt das, den 16 Gesamtschulen könnten ihre zwölf Oberstufen abhanden kommen.

Dieser Befürchtung tritt das Bildungsministerium entgegen. Der zuständige Abteilungsleiter Professor Herbert Günther spricht von einem "gewissen Bestandsschutz" für die Oberstufen an den Gesamtschulen. Er räumt ein, dass die Formulierung in der Anzeigenveröffentlichung nicht glücklich gewählt sei. Ziel sei es, dass die Erweiterten Realschulen mit den Oberstufen an Gesamtschulen, den Gymnasien und den neuen Oberstufengymnasien (siehe Infokasten) kooperieren. Bis Ende kommender Woche sollen zu diesem Zweck in allen Kreisen so genannte Regionalkonferenzen unter anderem mit Vertretern der Schulen und der Träger ihre Arbeit aufnehmen. Deren Aufgabe sei es, bis Mitte Dezember neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu entwickeln, über die dann Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) entscheide. Günther schloss mögliche Änderungen an der Oberstufenstruktur jedoch nicht aus. Kriterien in der Diskussion seien unter anderem die Schülerzahl, der Elternwille, die Verkehrsanbindung und das Kursangebot.

Die saarländischen Grünen und die Linken haben unterdessen angekündigt, dass der Landtag sich am Mittwoch mit dem Thema beschäftigen soll.

Meinung

Die Entwarnung wundert wenig

Von SZ-Redakteur

Patrick Griesser

Verwunderung ist angemessen. Bestürzung nicht angezeigt. Wenn man dem Bildungsministerium glauben mag, entbehrt die von Oppositionsseite befürchtete Zerschlagung der Gesamtschuloberstufen ihrer Grundlage. Gegen einen solchen Schritt sprechen nicht nur inhaltliche Überlegungen: Dem Ministerpräsidenten dürften noch die Proteste gegen die Grundschulschließungen in den Ohren klingen. Kurz vor einer Landtagswahl wird wohl keine Regierung schmerzhafte Einschnitte am Schulsystem vornehmen. Umso mehr erstaunt der Stein des Anstoßes, Müllers unklarer Anzeigentext. Wenn da den Gesamtschulen mal eben die Oberstufe wegrasiert wird, ist das handwerklich ungenügend.

Hintergrund

Auf scharfe Kritik der Opposition ist die Absicht des Bildungsministeriums gestoßen, berufliche Gymnasien aus den fünf Berufsbildungszentren zu lösen und als eigenständige, neunjährige Oberstufengymnasien weiterzuführen. SPD-Bildungsexperte Reiner Braun: "Die Landesregierung reagiert völlig konzeptionslos auf Akzeptanz-Probleme beim G 8." Der SPD-Politiker kritisiert auch eine mit der Umorganisation verbundene "unsinnige Stellenvermehrung". So sollen nach seiner Darstellung die Oberstufengymnasien mit rund 150 Schülern wie die Berufsbildungszentren mit 2000 Schülern einen Schulleiter und einen Stellvertreter erhalten. Das Kultusministerium bestätigte gegenüber der SZ die Pläne. Es gehe um eine "Verdeutlichung der Wege zum Abitur in neun Jahren", sagte eine Sprecherin. gp