Schneller zur Therapie

Saarbrücken. Ess-Störungen, Depressionen, ADHS, was viele als Zappelphilipp-Syndrom kennen: Es gibt zahlreiche psychische Erkrankungen, die Kinder und Jugendliche belasten können; selbst im Kindergartenalter schon

Saarbrücken. Ess-Störungen, Depressionen, ADHS, was viele als Zappelphilipp-Syndrom kennen: Es gibt zahlreiche psychische Erkrankungen, die Kinder und Jugendliche belasten können; selbst im Kindergartenalter schon. Auf schnelle Hilfe warten Kinder und Eltern aber bis dato vergeblich: Ein halbes Jahr wenigstens verstreiche, bis eine Therapie begonnen werden könne, skizziert Bernhard Morsch, Präsident der Saar-Psychotherapeutenkammer, den Ist-Zustand. Seine Kollegin Katja Klohs, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin mit Praxis in Merzig tätig, weiß auch von Kollegen, bei denen Patienten anderthalb Jahren warten. Zwar würden akute Fälle, bei denen Kinder etwa drohen, sich selbst zu verletzen, direkt behandelt, sagt Morsch, "aber die Lage ist unzumutbar."Dabei verschlimmert das Warten oft noch die Erkrankung. Am Ende ist gar eine Unterbringung in einer Klinik nötig. Selbst dort aber sind Plätze rar. Zugleich, so Morsch, seien Einrichtungen wie der schulpsychologische Dienst und Beratungsstellen überlaufen. Der Bedarf aber ist groß. Allein 2008 wurden bundesweit 120 000 psychisch kranke Kinder- und Jugendliche (die Jugendtherapie reicht bis 21) stationär behandelt. Für das Saarland liegen keine Zahlen vor, erklärt Jochen Jentner, Vizepräsident der hiesigen Kammer, die rund 430 Psychotherapeuten gesetzlich vertritt. Er schätzt aber, dass er und seine Kollegen im Saarland weit über 1000 Kinder und Jugendliche pro Jahr ambulant behandeln. "Kinder sind leider das schwächste Glied in der Kette", sagt Kammerpräsident Morsch. Zerbrechende Familienstrukturen, Belastungen der Eltern durch Jobverlust oder Hartz IV wirke sich gerade auch auf den Nachwuchs aus. Immerhin, der Gesetzgeber hat 2008 auf die angespannte Lage reagiert. So wurde beschlossen, dass 20 Prozent der psychotherapeutischen Praxissitze für die Behandlung von Kinder und Jugendlichen bereitstehen müssen. Dies, so Jentner, werde nach einigem Hickhack im Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen seit 1. März im Saarland auch umgesetzt. Hierzulande bedeutet dies, dass sich insgesamt 46 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten niederlassen können; 18 weitere also. Davon 15 im Regionalverband Saarbrücken und jeweils eine(r) im Kreis Saarlouis, im Kreis Merzig-Wadern und im Kreis Neunkirchen. Damit, so Jentner, sollten sich Wartezeiten "merklich verkürzen". Wie rasch die Niederlassungssitze aber besetzt werden können, wissen die Kammervertreter nicht. "In anderthalb Jahren sollte das eigentlich geschafft sein", meint Morsch, der hofft, dass sich auch Kollegen von außerhalb bewerben. Einen genauen Überblick, wie viele Kinder- und Jugendpsychotherapeuten derzeit in den vier saarländischen Ausbildungsstätten unterrichtet werden, hat die Kammer nicht. Der Weg zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ist lang: An ein Studium der Psychologie, Pädagogik oder Sozialpädagogik schließt sich eine meist fünfjährige Zusatzausbildung an. Der Aufwand aber lohnt sich: Der Durchschnittsumsatz einer psychologischen Psychotherapeuten-Praxis, so Morsch, lag 2008 bei 65 000 bis 70 000 Euro pro Jahr.