„Ein Kind ist mehr als nur Noten“ Schlechtes Zeugnis vor den Ferien – so reagieren Eltern jetzt richtig

Interview | Saarbrücken · Bevor die Sommerferien an diesem Freitag im Saarland starten, gibt es erst noch Zeugnisse. Nicht für alle ein Anlass für Jubel. Wie Eltern auf schlechte Noten reagieren sollten.

So manche Schülerinnen und Schüler werden ein schlechtes Zeugnis nach Hause bringen. Tipps, wie Eltern mit Noten – sowohl schlechten als auch guten – richtig umgehen, hat der Kinderschutzbund.

So manche Schülerinnen und Schüler werden ein schlechtes Zeugnis nach Hause bringen. Tipps, wie Eltern mit Noten – sowohl schlechten als auch guten – richtig umgehen, hat der Kinderschutzbund.

Foto: dpa/David Inderlied

An den Schulen im Saarland geht es an diesem Freitagnachmittag in die Sommerferien. Aber vorher gibt es noch Zeugnisse. Die werden nicht für alle Schülerinnen und Schüler gut ausfallen, und nicht alle werden versetzt. Damit, wie Eltern in diesen Fällen am besten reagieren, kennt sich Diana Kleinbauer-Nau aus. Die Kindheitspädagogin arbeitet beim Saarbrücker Ortsverband des Kinderschutzbundes und gibt in einem schriftlichen Interview ein paar Tipps.

Lauter Vieren und Fünfen: Wie reagieren Eltern auf ein schlechtes Zeugnis?

KLEINBAUER-NAU Wenn Kinder und Jugendliche mit schlechten Noten auf dem Zeugnis nach Hause kommen, sind viele Gefühle im Spiel: Angst vor der Reaktion und den Konsequenzen der Eltern oder Sorgeberechtigten, Wut auf sich selbst und oder die Lehrkraft, Traurigkeit über das eigene „Versagen“. Diese unangenehmen Gefühle belasten das Kind, aber auch die Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind. Daher ist es wichtig, die Gefühle zu reflektieren und erst anschließend über die Ursache der Noten zu sprechen. Kindern, Jugendlichen und Eltern fällt es manchmal leichter mit Unbeteiligten zu sprechen. Dafür gibt es das kostenlose Kinder- und Jugendtelefon (116 117) und Elterntelefon (0800 111 05 50) von Nummer gegen Kummer. Die Beratenden nehmen sich Zeit und hören zu. Darüber reden hilft oft schon.

 Kindheitspädagogin Diana Kleinbauer-Nau

Kindheitspädagogin Diana Kleinbauer-Nau

Foto: Saarroamers Pfister & Hoppstädter

Welche häufigen Fehler sollten Eltern vermeiden?

KLEINBAUER-NAU In unserer heutigen Gesellschaft steht Leistung häufig an erster Stelle. Ein gewisser Leistungsdruck ist auch deutlich bei den Kindern zu spüren. Kinder versuchen sich den ausgesprochenen sowie unausgesprochenen Erwartungen der Eltern anzupassen. Dies führt häufig zu einem inneren Konflikt, was den Leistungsdruck wiederum erhöht und negativen Stress fördert. Eltern sollten nicht persönlich betroffen auf Schulnoten und Zeugnisse reagieren, die hinter ihren Erwartungen bleiben. Auch „Warum“-Fragen sind wenig hilfreich. Viel wichtiger ist es, dem Kind angemessen Zeit lassen, über die eigene Enttäuschung hinweg zu kommen und ihm das Gefühl zu vermitteln: „Ich bin für dich da“ und „Wir finden eine Lösung“. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind sollte nicht an Leistungen geknüpft werden.

Auf welche Seite sollten sich Eltern schlagen – auf die des Kindes oder die der Lehrer?

KLEINBAUER-NAU Es geht weniger darum, sich auf eine „Seite zu schlagen“. Vielmehr geht es darum, im Austausch miteinander zu sein. Im besten Fall ziehen Kind, Eltern und Lehrer an einem Strang. Noten dürfen auch kritisch gesehen werden und die Benotung hinterfragt werden.

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Wie mit Kindern reden, denen die schlechten Noten scheinbar gleichgültig sind?

KLEINBAUER-NAU Kinder und Jugendliche, die scheinbar gleichgültig reagieren, brauchen auch Unterstützung. Hilfreich ist ein Blick in die Zukunft und auf die positiven Kompetenzen und Stärken des Kindes zu schauen, um die Lernsituation zu verbessern. Kinder brauchen einen Ansprechpartner, auch wenn es den Anschein hat, dass ihm Noten egal wären.

Was bringen Bestrafungen wie Stubenarrest oder Handyverbot?

KLEINBAUER-NAU Ein Kind sollte für ein Zeugnis weder belohnt noch bestraft werden. Auf die eigene Leistung darf man stolz sein und ebenso enttäuscht sein, über eine schlechte Note. Der Selbstwert des Kindes sollte sich nicht über Leistungen definieren. Belohnt werden sollte der Arbeitseinsatz beim Lernen und tröstende Worte helfen, wenn etwas noch nicht so gut gelingt.

Was tun, wenn sich das Kind die schlechten Noten sehr zu Herzen nimmt – etwa viel weint?

KLEINBAUER-NAU Die Noten auf dem Zeugnis spiegeln nur einen Teil der Persönlichkeit des Kindes wider. Die individuelle Lernentwicklung ist viel wichtiger. Der achtsame Umgang mit den Gefühlen des Kindes ist förderlich, an allen Tagen, nicht nur am Zeugnistag.

Das Schuljahr ist geschafft. Sollte man auch ein schlechtes Zeugnis „belohnen“, indem man dem Kind trotzdem einen Wunsch erfüllt?

KLEINBAUER-NAU Das Schuljahr ist geschafft und das darf gefeiert werden. Eine Belohnung für ein Zeugnis sollte nicht der Maßstab für gute oder schlechte Noten sein.

Was, wenn das Kind nicht versetzt wird?

KLEINBAUER-NAU Sitzenbleiben ist definitiv kein Hindernis für die weitere schulische und berufliche Entwicklung. Ein Kind ist mehr als nur Noten. Die Nicht-Versetzung kann eine zweite Chance sein. Lernen ist sehr individuell und Kinder lernen unterschiedlich und in ihrem Tempo. Dies kollidiert oft mit den äußeren Rahmenbedingungen. Wichtig ist, dass Lernen den Kindern Spaß macht und keine Angst erzeugt wird.

Was tun, wenn das Kind Angst vor Mobbing hat, weil es sitzenbleibt?

KLEINBAUER-NAU Um Kinder vor Mobbing zu schützen ist es wichtig, die schulische Situation im Blick zu haben. Wie ist die Klassengemeinschaft und wie unterstützend ist die Lehrkraft tätig. Die Ängste des Kindes sollten ernst genommen werden und besprochen werden. So lässt sich erkennen, ob es reale Ängste sind. Kinder haben ein Recht auf ein Aufwachsen ohne psychische Gewalt.

Wie können Ziele für das nächste Schuljahr gesetzt werden, die auch etwas bringen?

KLEINBAUER-NAU Es ist wichtig, erreichbare Ziele zu setzen und eventuell sich Unterstützung zu holen, um Lernrückstände aufzuarbeiten. Auch gemeinsame Überlegungen und Entscheidungen, was braucht das Kind, um regelmäßige Hausaufgaben zu machen, sich in der Schule und beim Lernen zu konzentrieren und die Lernsituation zu verbessern. Was gelingt schon gut und woran sollte noch nachgebessert werden und besonders, worauf freut sich das Kind im kommenden Halbjahr? Eltern können Kinder motivieren, für sich selbst zu lernen und die Schule als eine sinnvolle Etappe in ihrem Leben zu erkennen. Zeugnisse bewerten Leistungen und zeigen nicht die individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes auf. Dieses Gefühl sollten wir allen Kindern mit auf den Weg geben können.

Weitere Informationen unter www.kinderschutzbund-saarland.de

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