„Sammelbecken der Unzufriedenen“

Die rechte Partei Front National ist populär wie selten zuvor. In Forbach und anderen grenznahen lothringischen Gemeinden könnte sie bald sogar den Bürgermeister stellen. Über die Ursachen des Erfolgs sprach SZ-Redakteur Daniel Kirch mit dem Frankreich-Experten Adolf Kimmel. Der Professor für Politikwissenschaft lehrte an den Universitäten Saarbrücken, Bochum, München, Würzburg und Trier. Er gibt den Länderbericht Frankreich der Bundeszentrale für politische Bildung heraus und lebt in St. Ingbert.

Herr Professor Kimmel, in Forbach könnte der Kandidat des Front National, Florian Philippot, bei der Kommunalwahl am 23. und 30. März zum Bürgermeister gewählt werden. Für wie realistisch halten Sie das?

Kimmel: Die Chancen für ihn stehen meines Erachtens gut. Philippot ist ein attraktiver Kandidat: Er hat die Elite-Schule ENA erfolgreich abgeschlossen, er ist von Beruf hoher Beamter und als stellvertretender Parteichef ein einflussreicher Berater der Vorsitzenden Marine Le Pen. Hinzu kommt, dass er sich - und da ist er innerhalb des Front National ein Sonderling - häufig auf Charles de Gaulle beruft. Das kommt bei konservativen Wählern, die nicht von vorneherein den Front National wählen würden, gut an. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung vor zwei Jahren hat Philippot im Wahlkreis, zu dem Forbach gehört, den zweiten Wahlgang erreicht und immerhin 46,3 Prozent der Stimmen gewonnen.

Was treibt die Menschen in die Arme einer solchen Partei?

Kimmel: Der Front National hat zwei Hochburgen: einen Teil der Mittelmeerküste, wo er immer schon recht stark war, und das frühere Stahl- und Kohlerevier Nordfrankreichs und Lothringens. Dieses Gebiet ist erst später dazugekommen. Die sozialen Probleme dort sind ein fruchtbarer Boden für den Front National. Die Wählerschaft ist dort soziologisch anders strukturiert als im Süden: In Lothringen kommen die Wähler aus der Arbeiterschaft oder sind arbeitslos, sie gehören eher weniger zum Bürgertum.

Normalerweise ist das eine klassische Klientel linker Parteien.

Kimmel: Die Sozialisten sind seit 2012 an der Regierung und sind für viele der Menschen, die große soziale Probleme haben, eine Enttäuschung, so dass diese sich abwenden. Aber wohin? Die Kommunistische Partei ist fast verschwunden. Es gibt zwar auch in Frankreich eine Partei der Linken, aber die ist längst nicht so stark wie der Front National. Der FN ist ein Sammelbecken der Unzufriedenen und gilt, anders als die NPD in Deutschland, als eine durchaus wählbare Partei.

Bei Ergebnissen von bis zu 46 Prozent reicht die Wählerschaft des Front National aber doch über die Frustrierten und Verdrossenen weit hinaus - bis in die Mitte der Gesellschaft?

Kimmel: Durchaus. Vor allem ist die Grenze zwischen der bürgerlich-konservativen UMP und dem Front National durchlässiger geworden, wozu Nicolas Sarkozy in seiner Präsidentschaft beigetragen hat. Um gewählt zu werden und Wähler des Front National zu sich herüberzuziehen, musste er natürlich einen gewissen Rechtsruck vornehmen. Das ist jetzt nicht mehr ohne Weiteres rückgängig zu machen. In Umfragen zeigt sich, dass zwar immer noch die Hälfte der Befragten den Front National für eine Gefahr für die Demokratie hält, aber nicht viel weniger - um die 45 Prozent - halten ihn für eine patriotische Partei, die traditionelle, konservative Werte vertritt.

Ist der Front National eine Art französische NPD?

Kimmel: Das ist nicht ohne Weiteres vergleichbar. Der Front National hält sich an die demokratischen Spielregeln, jedenfalls unter Marine Le Pen viel deutlicher als noch unter ihrem Vater Jean-Marie Le Pen. Man spricht von einer "dédiabolisation", also einer "Entteufelung", um die Partei hoffähig zu machen. Das ist für die Parteivorsitzende in einem beachtlichen Ausmaß gelungen, für die Partei insgesamt noch nicht so ganz. Der Front National ist nicht rechtsextremistisch, sondern rechtspopulistisch. An ein Parteiverbot, wie man es bei uns für die NPD anstrebt, denkt in Frankreich bezüglich des Front National niemand.