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Café Jedermann
Jedermann ist seit 40 Jahren willkommen

 Das Team des „Jederman e.V.“ betreibt ein Café in der Johannisstraße in Saarbrücken. Hier Sabine Kovacevic, Volker Sante, Mercada Duric, Jean Tarabay, Christian Maag (v.l.).    
Das Team des „Jederman e.V.“ betreibt ein Café in der Johannisstraße in Saarbrücken. Hier Sabine Kovacevic, Volker Sante, Mercada Duric, Jean Tarabay, Christian Maag (v.l.).    FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. In diesem Café in der Johannisstraße finden Suchtkranke Hilfe, wenn sie nicht mehr zurechtkommen. Von Martin Rolshausen

Wer es sich zu einfach macht, der tut sich keinen Gefallen. Kalendersprüche aus dem Fundus der deutschen Sprichwortsammlung sind denen, die hier arbeiten, daher wohl eher suspekt. Aber den einen, den würden die Frauen und Männer vielleicht doch an die Wand hängen im Café Jederman: „Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung.“


Seit 40 Jahren ist das Café ein Ort für Menschen, die gescheitert sind im Leben, gescheitert an einer Sucht. Auch die, die hier für andere da sind, die Gruppen leiten, in denen über die Sucht gesprochen wird und in denen man sich gegenseitig hilft, stark zu bleiben, wissen das. Sie haben selbst erfahren wie das ist, wenn man zwar glaubt, den Alkohol, die Drogen, die Tabletten im Griff zu haben, obwohl die Sucht einen selbst im Griff hatte.

Die meisten der Gruppenleiter sind schon lange dabei. Einige kamen hierher, als es die eine oder andere Form der Sucht, die heute im Café an der Ecke Johannisstraße/Cecilienstraße im Nauwieser Viertel eine große Rolle spielt, noch gar nicht gab oder nicht als Sucht im medizinischen Sinn anerkannt war. Spielsucht zum Beispiel oder die Sucht nach dem Computer. Und auch was Drogen angeht, hat sich einiges geändert. „Koks konnte sich kaum jemand leisten. Amphetamine und Speed sind billig. Das ist für die, die es nehmen, teilweise wie Kaffeetrinken“, sagt einer der Männer.



Und dann ist da noch die Einsamkeit. Die gab es schon immer, aber auch da habe sich etwas verändert in den vergangenen Jahrzehnten, wissen die inzwischen selbst ergrauten Männer aus ihrer Erfahrung in den Gruppen: „Einsamkeit im Alter ist zu einem immer größeren Problem geworden. Zukunftslosigkeit, niemand, mit dem man drüber reden kann  – da greifen viele dann zur Flasche.“

Klar, die Spielsucht hat sich auch verändert. Man muss heute nicht einmal mehr die Wohnung verlassen. Man könne heutzutage auch im Internet sein Geld verspielen, in den Sog des Problemstrudels gezogen werden: Geld weg, Frau weg, Drogen oder Alkohol, um damit fertig zu werden. Auch das habe es früher seltener gegeben: die Mehrfachabhängigkeit. „früher hatte jemand ein Problem mit Alkohol oder mit Medikamenten oder mit Drogen. Heute kommt das oft alles zusammen“, sagt einer der Gruppenleiter.

Der Computer und die Welt, zu der er das Tor ist, verändert aber nicht nur die Art der Abhängigkeit. Er verändere auch den Umgang damit. Nicht zum Guten. „Vor allem viele der Jungen suchen im Internet Hilfe. Aber Du kannst den Computer volllabern, wie Du willst, Du wirst keine Antworten kriegen“, sagt einer der Jederman-Männer. Der Computer habe einen vermeintlichen Vorteil: Man kann ihn einfach ausschalten, wenn die Fragen zu unbequem werden oder der oder diejenigen, mit denen man sich in einem Internetforum unterhält, merken, dass etwas nicht stimmt.

„Bei Internetgeschichten spielen wirkliche Emotionen keine Rolle. Man sieht nicht, wenn jemand zittert, ergriffen ist, heult. In einer Selbsthilfegruppe muss man sich aber mit Tränen und anderen Emotionen auseinandersetzen“, erklärt die einzige Frau, die im Jederman eine Selbsthilfegruppe leitet.

Zu erkennen, dass man ein ernsthaftes Problem hat, sei das eine. Zu akzeptieren, dass man es nicht alleine lösen kann, sei aber ebenso wichtig. Um dafür zu werben, gehen die Gruppenleiter regelmäßig in die Suchtkliniken. „Da sind immer etwa 200 Leute, davon kommen dann vielleicht zwei zu uns in die Gruppen“, sagt einer der Männer. „Die glauben, dass sie es alleine schaffen, irgendwie. Aber die Hälfte bis zu zwei Drittel werden rückfällig“, sagt er. Dabei sei das Konzept der Selbsthilfegruppen immer gut gewesen, erklärt einer der Männer: „Die Gruppenleiter sollen selbst Betroffene sein. Wenn ich selbst etwas erlebt habe und es erzähle, ist das etwas anderes, als wenn ein Therapeut erzählt. Deshalb ist es wichtig, einen Therapeuten als professionelle Hilfe und eine Selbsthilfegruppe zu haben.“

Vielleicht, sagt einer der Männer, müsse sich das Café-Jederman-Team aber auch selbst etwas eingestehen, sagt einer aus der Runde. „Wir werden alt“, sagt er. Er macht eine Pause. „Wir sind alt. Alle in den 60ern, teilweise in den 70ern“, fährt er fort. Mit dieser Erkenntnis ist das „Wie können wir auch den Jungen Perspektiven eröffnen und Hilfe anbieten.“ Problem nicht gelöst, aber Erkenntnis sei ja der erste Schritt, wie er sagt.