Saarbrücken ist eben nicht Berlin

Wie wird Saarbrücken eine „Schwarmstadt“, also eine Stadt, in die alle wollen? Gute Frage, auf die eine Diskussion im Rathaus allerdings keine rechte Antwort fand. Angeregt war sie dennoch.

Nach 40 Minuten Diskussion hielt es die Oberbürgermeisterin nicht mehr auf ihrem Zuhörer-Stuhl. Saarbrücken hat 181 000 Einwohner, hat einen großen Einzugsbereich, ist der Motor des Landes betonte sie. Charlotte Britz ist von ihrer Landeshauptstadt überzeugt. Und so sah sie sich wohl zu einer Art Ko-Referat über Saarbrückens Vorzüge gezwungen.

Denn die hatte der Experte von außerhalb, der Wiener Zukunftsforscher Andreas Reiter, nicht auf den Fotos, die er etwa 60 Minuten lang im Rathausfestsaal auf die Leinwand warf. Vielleicht waren die drei Stunden, die man ihn vor seinem Vortrag durch die Stadt "geschleift" hatte, wie er es nannte, auch nicht genug, sie zu entdecken. Immerhin lobte er: "Sie können sich glücklich schätzen, einen Fluss zu haben."

Reiter sprach über Innsbruck, München, auch über Münster. Über Städte also, die mit Saarbrücken nicht zu vergleichen sind. Und es steht auch außer Frage, dass Michael Genth, Geschäftsführer von Leder Spahn und als zweiter Vorsitzender des Vereins für Handel und Gewerbe in der Runde, nicht vorhat, die neueste Schirmmode auf einem Saarbrücker Dach zu präsentieren. Eine solche Form der Werbung als städtisches Ereignis hatte Reiter zuvor gerühmt.

Vorfahrt für das Auto

Genth sprach davon, das der "motorisierte Individualverkehr" wichtig sei, um Käufer aus dem Regionalverband und aus Frankreich in die Stadt zu bringen. Sprich: Vorfahrt für das Auto! Er beklagte auch, dass Vereinbarungen für eine einheitliche Gestaltung der Innenstadt nicht eingehalten würden. Das veranlasste Moderator Reinhard Karger zur Zusammenfassung: "Die Klage ist des Kaufmanns Gruß". Dabei war Michael Genth doch einer, der in der Diskussion um die Europa-Galerie nie Konkurrenz beschwor, sie vielmehr schon früh als Chance für die Bahnhofstraße sah. Klaglos.

Karger provozierte ein wenig weiter und behauptete, wenn man aus Berlin komme, wolle man in Saarbrücken bereits am Bahnhof wieder kehrtmachen. Keine Zustimmung von Leander Wappler, der für die IHK sprach. Man müsse ehrlich sein, forderte er. Saarbrücken sei eben nicht Berlin. Zu klären sei: "Wie viel Handel wollen wir wo haben? Und auch: Können wir überhaupt in jeder Seitenstraße Handel etablieren?

So bekam die Frage des Abends "Attraktive Innenstadt - wie sieht Saarbrücken morgen aus - Neue Wege für Einzelhandel und Stadtentwicklung" je nach der Funktion des jeweiligen Redners einen neuen Schwerpunkt.

Alexander Hauck, Geschäftsführer des City Marketings, sagte, das Thema für ihn sei "Wie gehen wir mit Emotionen und Erleben um?" Das passte zu den Thesen des Wiener Forschers, der viel von Erlebnis sprach.

Baudezernent Heiko Lukas, zog als Architekt aus dem Vortrag des Zukunftsforschers sein eigenes Fazit. Man müsse ein Bewusstsein für den öffentlichen Raum schaffen. Das Herz der Stadt sei der Platz. Und das wiederum sei eine große Chance für Saarbrücken mit seinen vielen Plätzen.

Im Rathausfestsaal diskutierten (von links): Heiko Lukas (Baudezernent), Leander Wappler (IHK), Alexander Hauck (City Marketing), Reinhard Karger (Moderation), Andreas Reiter (Zukunftsbüro Wien) und Michael Genth (Verein für Handel und Gewerbe). Ganz links Oberbürgermeisterin Charlotte Britz.

Doch Saarbrücken , das wurde auch klar, muss noch an Mindeststandards für die moderne Stadt, die junge Menschen mögen, arbeiten: mehr freien Zugang ins Internet.