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Riesensause auf dem Schaumberg

Bunt gemischte Truppe auf dem Schaumberg: Jugendliche aus Europa feierten über dem St. Wendeler Land. Fotos: Faber
Bunt gemischte Truppe auf dem Schaumberg: Jugendliche aus Europa feierten über dem St. Wendeler Land. Fotos: Faber
Tholey. Vier Jugendliche aus Drohobytsch in der Westukraine blickten im St. Wendeler Land besorgt auf die Krise im Osten ihres Heimatlandes. Ihre Hoffnung auf Frieden und faire Präsidentschaftswahl ist gering. Sie wären froh, wenn die Ukraine zur EU gehören würde. Frank Faber

Wenn junge Europäer in Bewegung sind, sich näher kommen, dann ist Europa ein Dorf. Noch ein paar Techno-Beats, und es wird ausgelassen vor dem Schaumbergturm gefeiert. Zur Yourozone. Zu der sich europäische Jugend Gedanken zu Europa macht. Okay - das internationale Wort für "Alles in Ordnung" - ist überall präsent. Sprachliche Barrieren stellen bei der Projektarbeit keine Hürde dar, gemeinsame Aktivitäten bauen Vorurteile ab. Jeder verspürt: Der vormals Fremde ist nicht mehr fremd.

"Wir haben uns bei einem Projekt mit Stereotypen befasst, um andere Menschen nicht nach Vorurteilen zu beurteilen", berichtet der 17-jährige Tibor aus Nordrhein-Westfalen. Matteo (17) aus Bergamo/Italien machte bei der Aktion "Europa entsteht nach meinen Wünschen" mit. "Wir müssen uns für soziale Gerechtigkeit einsetzen", nimmt er mit. "Europa ist eine Gelegenheit, die jungen Leuten weiterhilft", meint Helena (17) Schülerin aus Osijek/Kroatien. Man muss für Integration stehen, ergänzt die Polin Emilia (17), das sei sehr wichtig für Europa.

Genauso zeigen sie die Schattenseite des Kontinents, der von einem Krieg in der Ukraine bedroht sei. "Es darf keine Unterschiede unter den Menschen geben. Wenn wir alle zusammenhalten, können wir dem Krieg keine Chance mehr geben", sagt Tibor.

Es gibt auch Kritik an der Europäischen Union: an hohe Jugendarbeitslosigkeit, zu verbessernden Bildungschancen. Der Franzose Lucas (15) aus Lyon gibt zu: "Ich habe in Otzenhausen durch die Gespräche mit anderen Jugendlichen eigentlich erst mehr über Europa erfahren." Dabei habe er europäische Gleichaltrige kennen gelernt, die Freundschaften wolle er vertiefen.

Wie auf Bestellung ertönt die Europa-Hymne, gespielt von einer Posaunergruppe. Ruhige Pianoklänge kommen von der Rumänin Paula Patracz. Gelegenheit für Projektleiter Michael Matern von der Europäischen Akademie, ein Resümee zu ziehen. "Die jungen Leute haben viel Spaß, die Stimmung ist toll." Die Sprache der Musik vereine alle Nationen beim Auftritt des deutsch-französischen Rap-Duos Drehmoment & Fonky D.

Spektakulär eröffnete die Europa-Fete Samstagmittag eine Fallschirmgruppe. Mit Gänsehauterlebnis geht sie zu Ende. Im Feuerschein singen Akteure und Jugendliche gemeinsam die Europa-Hymne. Dann geht es für Gäste aus Deutschland, Frankreich, Italien und Kroatien zurück in die Akademie nach Otzenhausen. Die Polen und die Ukrainer waren im Ökologischen Schullandheim in Gersheim untergebracht. Jugendliche aus dem ukrainischen Drohobytsch treten auf der Yourozone-Bühne nach vorne und singen alte Freiheitslieder, die aktueller nicht sein könnten. Sie sind Gäste beim Gipfelfest auf dem Schaumberg. Doch selbst fern der Heimat holen sie schockierende Nachrichten aus dem östlichen Landesteil ein. "Zusammen wollen die Menschen kein gutes Land mehr sein", bedauert die 17-jährige Schülerin Olena. Im deutschen Fernsehen werde gezeigt, wie es in der Ostukraine ist. "Die Nachrichten, die vom russischen Fernsehen gezeigt werden, sind gefiltert und manipuliert", meint Vlad. In der Ukraine regiere die Korruption. "Es ist alles sehr undurchsichtig, auch wer wofür und warum die Separatisten bezahlt, alles macht uns Angst", sagt der 17-Jährige.

Ihr Heimatort Drohobytsch habe rund 77 000 Einwohner und liegt in der Nähe der Bezirkshauptstadt Lemberg nahe der Grenze zu Polen. "Im westlichen Teil des Landes ist gegenüber dem Osten alles in Ordnung, doch alltägliche Probleme gibt es sonst genug", schildert Olena. Im Vergleich zu Deutschland gehe die Schere zwischen Arm und Reich viel weiter auseinander. "Selbst wenn jemand Arbeit hat, hat er kaum Geld, um mit der Familie leben zu können. Hat er ein Auto, hat er kaum Benzin, um das das Auto zu fahren", führt Nazar (17) vor Augen. Auf der anderen Seite würden Reiche immer reicher.

"Wie geht das, ich versteh' es manchmal nicht", fehlen Nazar die Worte. Er will Jura studieren, Olena Betriebswirtschaft, und Vlad möchte Arzt werden. "Dafür müssen wir an eine Universität in einer größeren Stadt, vielleicht ins 600 Kilometer entfernte Kiew oder ins Ausland", prognostiziert Olena. "Unsere Generation ist offen für Europa, wir wollen zu Europa, wir fühlen auch so", unterstreicht sie. Doch wenn ein Großteil dieser Generation Ukraine wegen Berufs und Studiums verlassen müsse, wolle - was dann? "Wenn wir für unser Land etwas machen wollen, müssen wir im Land bleiben. Das wird nicht einfach für jeden", ist sich Olena sicher. Denn sie glaubt nicht, dass die Präsidentschaftswahl am 25. Mai stattfindet. "Wenn gewählt werden sollte - geht das fair zu? Ich habe wegen der Korruption wenig Vertrauen", resigniert Vlad.

Über den Aufenthalt in Deutschland freuen sich die drei Schüler. Mit den anderen Jugendlichen aus Europa hätten sie eine schön Zeit erlebt.



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Auf einen BlickDas Gipfelfest Yourozone haben die Europäische Akademie in Otzenhausen, die Gemeinde Tholey und der Caritas-Verband Schaumberg-Blies organisiert. Zahlreiche Musikgruppen standen auf der Bühne, dazu gab es ein Aktionsprogramm. Jugendliche aus 15 Nationen waren auf dem Schaumberg versammelt. frf

Nazar, Bohdan, Olena und Vlad (von links) aus Drohobytsch/Ukraine mit ihrer Nationalflagge auf dem Schaumberg.
Nazar, Bohdan, Olena und Vlad (von links) aus Drohobytsch/Ukraine mit ihrer Nationalflagge auf dem Schaumberg.