Rhythmus ist überall zuhause

Shadi Kassis ist mit seiner Frau von Syrien über Polen ins Saarland geflohen und hat sich hier gut eingefunden. Er lernt fleißig Deutsch, gibt Konzerte und möchte studieren. Doch seine Zukunft ist ungewiss.

Auf seinem Youtube-Kanal ist ein Video zu sehen, das Shadi Kassis in der syrischen Klosterküche zeigt, in der er einmal gearbeitet hat. In dem Clip entlockt er Löffeln, Töpfen, Konservendosen und Eimern rhythmische Klänge, und zwar in rekordverdächtiger Geschwindigkeit. Shadi trommelt gern. Zum Beispiel auf seinem Tamburin, seinem "Baby", das er mit nach Saarbrücken gebracht hat. Das Tamburin hat er selbst gebaut, nachdem der Krieg in Syrien nicht nur sein Haus, sondern auch all seine Instrumente zerstört hatte.

Vor dem Krieg lebte Shadi nahe Damaskus ein schönes Leben. Der Künstler hat Musik studiert, war ein gefragter Percussionist. Er reiste viel, musizierte in Ländern wie China, Spanien und England, zum Beispiel mit den bekannten Gorillaz . Shadi liebt den Jazz, vor allem den "orientalischen Jazz", mit dem er westliche und arabische Musik vereinen will. "Ich kann nicht in Worte fassen, was Musik für mich bedeutet. Sie ist mein Leben", sagt Shadi, der fast alle Schlaginstrumente spielt. Ein Jahr lang lehrte er am Konservatorium in Valencia. Als er zurückkehrte, hatte die radikalislamische Al-Nusra-Front sein Haus zerstört. "Ich habe dadurch alles verloren", sagt Shadi.

Sein letztes Konzert in Syrien hat er 2011 mit einer christlich-muslimischen Band gegeben. "Wir wollten damit der Harmonie zwischen den Religionen eine Stimme geben. Musik ist eine Sprache, die wir alle verstehen. Sie kann Menschen verbinden", so der 32-jährige Christ. Einige Jahre arbeitete Shadi beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS), als Musiktherapeut und Koch. Er verteilte Essenspakete und Medizin an Bürgerkriegsopfer, die vom Umland ins sicherere Damaskus geflüchtet waren. Heute ist er selbst Flüchtling. Die ständige Angst in der Heimat hat ihn mit seiner Frau nach Deutschland getrieben. Er wollte auf legalem Weg einreisen, auch wenn das hohe Kosten bedeutete. Ein Freund aus Polen, den er bei einem Musikprojekt kennengelernt hatte, nahm das Ehepaar zunächst bei sich auf. Im Januar kamen sie nach Deutschland, landeten schließlich in Eschringen. Hier fühlte sich Shadi willkommen: "Wir wurden sehr herzlich empfangen", erzählt der Musiker, der inzwischen in Saarbrücken wohnt. Diese Woche startet ein Projekt der Saarbrücker Musikschule, bei dem Shadi anderen Flüchtlingen als ehrenamtlicher Lehrer das Spielen von Instrumenten beibringt. Seine Frau ist mittlerweile schwanger, Shadis Traum vom Neuanfang in greifbarer Nähe.

Doch dann der Rückschlag: Er soll mit seiner Frau nach Polen abgeschoben werden, weil das Land nach europäischem Recht für den Asylantrag zuständig gewesen wäre. Gegen den Abschiebungsbescheid hat er Widerspruch eingelegt, vor allem wegen der Schwangerschaft. Jetzt wartet er die Entscheidung ab. Shadi erzählt, er habe nicht nur positive Erfahrungen mit anderen Flüchtlingen gemacht. Dass nun ausgerechnet er abgeschoben werden soll, könne er nicht verstehen. Sein Traum ist es, in Saarbrücken Musikwissenschaft zu studieren. Dann will er als Musiker und Musiklehrer arbeiten. Shadi spricht Arabisch, Englisch und Spanisch. Zu Hause versucht er jetzt, sich und seiner Frau Deutsch beizubringen. "Ich bin nicht gekommen, um nur zu nehmen. Ich will auch etwas geben. Und ich wünsche mir sehr, dass ich dazu die Chance bekomme."

Am 22. Juni tritt Shadi im Kaffeehaus Ommersheim gemeinsam mit dem Neunkircher Drummer Amby Schillo auf. Beginn ist um 20 Uhr. Der Eintritt kostet 8 Euro.