Psycho zwischen Umzugskisten

Ein kriminalistisches Kammerspiel mit zynischem Witz hat Peter Tiefenbrunner im Theater im Viertel inszeniert. Am Freitag war Premiere.

. "Wenn einer geht, dann muss man reden und Abschied nehmen!" So meint jedenfalls Heike. Geredet wird denn auch viel beim Aufräumen des Nachlasses ihres verstorbenen Schwiegervaters. Nur die Trauerarbeit will den drei Hinterbliebenen, die hier den Hausrat sortieren und sich durch Aktenberge wühlen, nicht so recht gelingen: Heike, ihr Mann Frank und ihre Schwägerin Gabi alias "Püppi" leisten vielmehr ein hartes Stück Vergangenheitsbewältigung. Und das gleich dreimal aus jeweils anderer Perspektive mit individuellen Wahrheiten und unterschiedlichen Konsequenzen. Am Ende hat man zwar immer noch kein Testament gefunden, wohl aber ein Scherbenkonto: Darauf haben alle Familienmitglieder jahrelang mit ihrem Schweigen eingezahlt und heben nun die bitteren Zinsen ab.

In ihrer Familientragödie "Scherbenkonto", die am Freitag im - leider nicht ausverkauften - Theater im Viertel (TiV) Premiere hatte, variiert die 1965 geborene Autorin Tilla Lingenberg in drei Bildern die gleiche Ausgangssituation.

Jedes Mal treffen sich Püppi (Barbara Scheck), ihr Bruder Frank (Dieter Hofmann) und dessen zweite Frau Heike (Gabriele Bernstein) im Haus ihres - angeblich - an Herzversagen gestorbenen Vaters; jeweils war tags zuvor ein anderer von ihnen da, um vorzusortieren.

Umzugskartons prägen das Bild; den Beginn jeder Szene markiert Regisseur Peter Tiefenbrunner durch ein gemeinsam gesungenes Lied, das von einem Klirren und einem verzweifelten "Ich kann das nicht!" aus wechselnder Kehle jäh abgewürgt wird.

Die Stimmung verändert sich, von nüchtern über erleichtert bis hasserfüllt; mal ist es Heike, die zur Flasche greift und larmoyant wird, mal Püppi. Unter vier Augen wird endlich Tacheles geredet. Alte Wunden brechen auf: unerfüllte Sehnsüchte, feige Lügen, unverarbeitete Traumata und nie verwundene Verletzungen aus der Kindheit. Vorwürfe wechseln mit Selbstbezichtigungen. Und es tauchen Zweifel auf: Was für ein Mensch war der Vater tatsächlich? Ist Heike wirklich die rührend Fürsorgliche, verbittert darüber, dass sie ihren Schwiegervater drei Jahre lang gepflegt hat und niemand es ihr dankt? Ist ihr wortkarger, konfliktscheuer Mann wirklich so nüchtern und pragmatisch, wie er tut? Und wieso geht ausgerechnet Püppi, Papis Liebling, mit ihrem Vater postum ins Gericht? War dessen Tod am Ende gar kein natürlicher, sondern die Tat eines barmherzigen Racheengels?

Das verheerende Gesamtbild aus all diesen wie in einem Vexierspiel schillernden Puzzleteilen darf sich der Zuschauer mit kriminalistischem Eifer erst ganz am Ende zusammensetzen. Das ließe sich als sensationsheischender Psychothriller mit emotionalen Exzessen inszenieren, doch Tiefenbrunner setzt nicht auf vordergründige Effekthascherei: Er lotst seine Schauspieler sicher durch ein spannendes Kammerspiel, das nicht zuletzt von einem gewissen zynischen Witz lebt.

Wieder: Freitag, 5. und Samstag, 6. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Theater im Viertel. Karten: (06 81) 390 46 02.