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Preisgekrönte Kunst von der Saar

Im Redaktionsgespräch: Katharina Bihler, Stefan Scheib und Anette Kührmeyer (von links). Foto: Iris Maurer
Im Redaktionsgespräch: Katharina Bihler, Stefan Scheib und Anette Kührmeyer (von links). Foto: Iris Maurer FOTO: Iris Maurer
Saarbrücken. Sie produzieren überregionale Erfolge in Serie: die Performer Katharina Bihler und Stefan Scheib von „Liquid Penguin“ sowie die Hörspiel-Chefin des SR, Anette Kührmeyer, gewinnen immer wieder Hörspiel-Preise. Susanne Brenner

Das Hörspiel, so kann man es im Wikipedia-Lexikon nachlesen, ist die erste originäre Kunstform, die das Radio hervorgebracht hat. Eine Kunst, die mit einem einzigen Sinnesorgan, dem Gehör, erfahrbar wird. Und deshalb eine besondere Herausforderung darstellt - für die Künstler und auch für ihr Publikum.

Beim Saarländischen Rundfunk (SR) wird diese Kunstform von einer kleinen, von Anette Kührmeyer geleiteten Eineinhalb-Personen-Redaktion gepflegt - und das mit überdurchschnittlichem Erfolg. Bereits zum zweiten Mal hat man das Hörspiel des Jahres gewonnen, häufig das Hörspiel des Monats, war nominiert für den renommierten Preis der Kriegsblinden, bekam den deutschen Hörspielpreis der ARD . Der Erfolg ist umso erstaunlicher, als man beim kleinen SR gerade mal acht Hörspiele im Jahr produziert. Deutschlandweit entstehen etwa 450 (Kinderhörspiele mitgerechnet). Man kann also sagen, aus dem Saarland kommt, was das Hörspiel betrifft, überdurchschnittliche Qualität.

Mitautoren dieser Erfolgsgeschichte: das Saarbrücker "Liquid Penguin Ensemble". Dessen lustvoll lautmalerische Produktion "Ickelsamers Alphabet" wurde just in Frankfurt als Hörspiel des Jahres ausgezeichnet - also als beste Hörspiel-Produktion deutscher Radiosender im Jahr 2014. Zuvor hatten die "Pinguine " bereits mit "Bout du monde" das beste Hörspiel 2009 eingeheimst und mit "Gras wachsen hören" den deutschen Hörspielpreis gewonnen (2008). Also ist das Dreier-Gespann, das wir zum Redaktionsgespräch der SZ eingeladen hatten, offenbar ein gutes Team.

Katharina Bihler, Stefan Scheib ("Liquid Penguin") und Anette Kührmeyer arbeiten seit vielen Jahren gemeinsam. "Grenzenloses Vertrauen und Geduld", sagt Katharina Bihler spontan auf die Frage, was das Erfolgsrezept sei. Und das gilt für beide Seiten. Ein gutes Jahr hat Bihler am "Ickelsamer"-Text geschrieben, ihr Lebens- und Arbeitsgefährte Stefan Scheib schrieb die Musik.

Wie die meisten "Pinguin"-Projekte war diese sprachverliebte Feierstunde für den Verfasser der "Teütschen Grammatika" Valentinus Ickelsamer (gest. 1547) ursprünglich als Performance konzipiert und wurde im Festsaal des Pingusson-Baus (ehem. Kultusministerium) uraufgeführt. Gemeinsam mit Anette Kührmeyer entstand aber schon früh die Idee, das Ganze weiterzuentwickeln zum Hörspiel. "Das ist dann komplett anders", sagt Stefan Scheib. Die ursprüngliche Performance ist quasi nur noch ein Fundament, auf dem ein neues Stück entsteht. "Man überlegt gemeinsam, was der Zugang zum Radio sein könnte", erklärt Kührmeyer im Redaktionsgespräch.

Preise wie das Hörspiel des Jahres sind zwar ohne Preisgeld, aber trotzdem profitieren sowohl Künstler als auch Redaktion davon. Für die "Pinguine " bedeutet es, dass andere Sender ihr Hörspiel übernehmen und sie überregional wahrgenommen werden. "Für produzierende Künstler ist das Schlimmste das Booking", erklärt Katharina Bihler, also das Auftreiben von Auftrittsmöglichkeiten. Durch die Aufmerksamkeit, die solch ein Preis mit sich bringt, kommt es immer öfter vor, dass Veranstalter von sich aus auf die Künstler zukommen. So gastiert "Liquid Penguin" am 18. April mit einer Auftrags-Produktion im Theater Marburg.

Für die Hörspiel-Redaktion festigen solche Preise natürlich auch die Akzeptanz innerhalb des Senders. "Das Hörspiel wird beim SR wahrgenommen als etwas Erhaltenswertes", sagt Anette Kührmeyer. Auch wenn im Zuge der allgemeinen Sparmaßnahmen beim SR auch das Hörspiel eine halbe Stelle und Etat verlor, sei der Stellenwert hoch. Was auch daran liegen mag, dass Kührmeyer seit 15 Jahren ein deutsch-französisches Profil geschärft hat: Das SR-Hörspiel ist mit seinem aufmerksamen Blick in den frankophonen Sprachraum einmalig in Deutschland. Die Hörspiel-Redaktion in Person von Anette Kührmeyer hat das Festival Primeurs mitbegründet, das jährlich im Herbst in der Alten Feuerwache neue Stücke aus dem frankophonen Raum vorstellt. Und Kührmeyer ist stets auf der Suche nach Texten französischer und auch Quebecer Autoren, die als Hörspiel für ein deutsches Publikum interessant sein könnten. "Ich sehe mich auch als Kulturvermittlerin", meint sie. Denn die Stücke, für die sie Übersetzungsaufträge erteilt, werden so auch für andere verfügbar.

Überhaupt nimmt die studierte Romanistin den öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag sehr ernst. Bis zu 100 Manuskripte flattern im Jahr auf ihren Schreibtisch - und die werden alle gelesen. "Ich sehe das als Verpflichtung, dass ein Autor das Recht drauf hat, dass jemand Qualifiziertes seinen Text liest." Mittlerweile werden sogar schon fertige Produktionen eingereicht. "Durch die Digitalisierung ist das einfacher geworden", meint Kührmeyer.

Diese Digitalisierung ist generell eine Chance für das Hörspiel und öffnet es für junge Künstler. "Das Hörspiel lebt", sagt denn auch Stefan Scheib. Es gebe eine wachsende Szene von freien Künstlern, die einfach auch mal zuhause am Laptop produzieren. Das Reizvolle am Hörspiel sei nämlich für Künstler, "dass es ein offenes Format ist. Alles ist möglich, es gibt keine Schublade. Die einen arbeiten Heavy Metal mit rein, andere Rap oder Geräusche." Diese Freiheit ist so ganz nach dem Herzen der experimentierfreudigen "Pinguine ".

"Ickelsamers Alphabet" ist als CD erschienen in der SR2-Edition. Und über die Homepage der "Pinguine " zu bestellen.


Zum Thema:

HintergrundHörspiel-Aktivitäten: Um die Zukunft des Hörspiels zu festigen, arbeitet die SR-Hörspielredaktion mit verschiedenen Projekten. Unter anderem entsteht gerade in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien ein Broschüre, in der 30 aktuelle Hörspiele vorgestellt werden, die für den Schul-Unterricht geeignet sind. Außerdem veranstaltet der SR öffentliche Hörspiel-Aufführungen, die sogenannte Hör-Perspektive. Die nächste ist am morgigen Mittwoch, 12. März, 19.30 Uhr, in der Saarbrücker Stadtbibliothek mit Erhard Schmieds Radio-Tatort ,,In fremder Erde". Das Herzstück der Arbeit ist die Sendung "Hörspielzeit" sonntags um 17.04 Uhr auf SR2 KulturRadio. Und wer da keine Zeit hat: Dank Mediathek kann man die Hörspiele jeweils eine Woche lang im Internet nachhören. bre

Zum Thema:

Auf einen BLICK Das "Liquid Penguin Ensemble" plant bereits mehrere neue Projekte. So startet am 28. April in der Modernen Galerie der "Wortcontainer". Der Container wird bis zum Sommer an mehreren Orten in Saarbrücken , darunter am Deutsch-Französischen Gymnasium, aufgestellt, und Passanten können ihre Lieblingswörter "spenden". Die "Pinguine " machen daraus Wortklang- und Hörspielminiaturen. Ein weiteres neues Projekt ist die "Hörbare Landkarte", bei der die "Pinguine " an verschiedenen Orten typische Klänge, Worte, Geschichten und Geräusche sammeln, die in einer handfesten Landkarte aus Holz als Hör-Punkte installiert werden. Auf Stadtfesten und bei anderen Gelegenheiten kann man diese "Hörbare Landkarte" ausprobieren.bre

„Ickelsamers Alphabet“ wurde ursprünglich als Performance im ehemaligen Kultusministerium aufgeführt. Im Vordergrund Katharina Bihler (rechts) und Elodie Brochier. Foto: Karger
„Ickelsamers Alphabet“ wurde ursprünglich als Performance im ehemaligen Kultusministerium aufgeführt. Im Vordergrund Katharina Bihler (rechts) und Elodie Brochier. Foto: Karger FOTO: Karger