Politik, die im intimen Handeln der Figuren sichtbar wird

Auf dem Saarbrücker Max-Ophüls-Festival läuft das unsentimentale Flüchtlingsdrama „Babai“ von Visar Morina. Allerdings nur in einer kleinen Nebenreihe. Aber der mehrfach preisgekrönte Debütfilm des aus dem Kosovo stammenden Regisseurs und Drehbuchautors, der in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis ist, hat durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient.

Szenenbild aus „Babai“. Die Vater-Sohn-Geschichte einer Flucht in ein besseres Leben läuft am Samstag. Fotos: Missing Films.

Zwei schwitzende Männer fahren über eine holprige Landstraße, an einem Grenzübergang halten sie. "Mach dir keine Sorgen", sagt der Fahrer zu seinem Begleiter. "Wie heißt du nochmal?" Ein uniformierter Milizionär kontrolliert die beiden misstrauisch. Und schon ab der ersten Minute des Films ist man mittendrin, gepackt von einer Handlung, die gleich darauf in eine unerwartete Richtung lenkt. Denn im Kofferraum des Wagens hat sich ein Junge versteckt. Nori, der Sohn des Mannes, der illegal über die Grenze wollte, ist dem Vater gegen dessen Willen gefolgt. Ich lass dich nicht gehen, sagt sein trotziger Blick. In seinem Debütfilm "Babai" erzählt der Regisseur Visar Morina, Jahrgang 1979, die Geschichte des zehnjährigen Nori (gespielt von Val Maloku), der im Kosovo der 1990er Jahre alleine die Flucht nach Deutschland antritt, um seinem Vater (Astrit Kabashi) zu folgen. Also ein hochaktuelles Flüchtlingsdrama? "Natürlich ist es auch eine Fluchtgeschichte, ebenso wie es eine Geschichte über das Großwerden unter Milosevic in einer sehr bestimmten Zeit ist", sagt Morina, der in Köln Regie studiert hat. Interessiert habe ihn aber etwas anderes. "Ich habe das immer als Liebesgeschichte zwischen Vater und Sohn gesehen", sagt er. "Ich wollte erzählen, was passiert, wenn der Mensch, zu dem wir ein Urvertrauen haben, und der uns das Leben zeigt, dieses Vertrauen bricht."

Von der ambivalenten Beziehung zwischen Vater und Sohn erzählt Morina unsentimental und durch den Blick von Nori. Bewusst habe er politischen Hintergründen so wenig Raum wie möglich gegeben, sagt Morina. "Mich interessiert politisches Kino erst dann, wenn ich das Gefühl habe, dass Politik kein abstraktes Gerüst ist, sondern im intimsten Handeln einer Figur sichtbar wird", sagt er. Im Dezember 1994, mit fünfzehn Jahren, ist Morina selbst als Flüchtling aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen. "Das war eine Zeit, in der die Angst völlig normal war", erinnert er sich. "Die Gewalt und der Terror, das war quasi die Muttermilch."

Autobiografisch sei die Geschichte trotzdem nicht, sagt Morina im SZ-Gespräch. "Es ist kein Film über mich oder meine Familie. Aber klar, ich muss die Emotionalität der Situation kennen, von der ich erzähle. Sonst wär es ja völlig absurd, mich jahrelang damit zu beschäftigen."

Die erste Idee für das Drehbuch hatte Morina 2007, er arbeitete mit Unterbrechungen acht Jahre an seinem ersten Langspielfilm. Im Juli feierte "Babai" dann auf dem Filmfest München Premiere - und war dort der große Abräumer. In gleich drei von vier Kategorien (Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller) gewann "Babai" den Förderpreis Neues Deutsches Kino. "Keine Lügen. Keine Posen. Nicht ein falscher Ton. ‚Babai' ist ein Meisterwerk von einem jungen Meister, vor dem wir uns tief verneigen", urteilte die Münchner Jury.

In der Originalfassung auf Albanisch, Serbisch mit deutschen Untertiteln steht Morinas Film am Samstag um 17.15 Uhr im Cinestar 2 als Sondervorführung auf dem Festival-Programm. Am 10. März kommt der Film in synchronisierter Fassung in die deutschen Kinos.