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Plötzlich hat er ganz viel Zeit

Saarbrücken. Ersehnt und gefürchtet: der Ruhestand. Was passiert, wenn Menschen nicht mehr arbeiten müssen? Wie groß ist die Angst, nicht mehr zur Arbeitswelt zu gehören? Wir haben Saarbrücker gefragt, wie sie ihren Ruhestand erleben. Heute: Jochen Schneider aus Bübingen. Frank Bredel

Jochen Schneider war sein ganzes Berufsleben lang Spediteur. Seine Lastwagen gehörten zum Stadtbild. Dort sieht man sie immer noch, nur gehören sie ihm nicht mehr. Vor drei Jahren ging er in den Ruhestand und übereignete sein Unternehmen seinem Sohn. Aus dem selbstständigen Unternehmer ist ein Rentner geworden.

Damit ist er nach eigenen Worten "eigentlich zufrieden". Doch "eigentlich" heißt auch, dass es ihm noch nicht gelungen ist, den Ruhestand zu genießen. Der Grund: ein simpler Sturz mit Komplikationen. Das geht ihm ziemlich auf die Nerven. Der heute 70-Jährige arbeitete bis zum 68. Lebensjahr: "Ich hatte meiner Frau immer versprochen, dass ich die Unternehmensnachfolge bis zum 70. Geburtstag regele. Das hab' ich gehalten", sagt er heute und ist froh, dass sein Sohn Philipp die Firma übernommen hat. Denn das war nicht von vornherein eine ausgemachte Sache. "Mein Sohn war nach dem Studium nicht bei uns im Betrieb, sondern bei Dachser in einem internationalen Konzern. Er musste selbst entscheiden, ob er dort Karriere machen oder die Spedition des Vaters übernehmen will", sagt Schneider und weiß, welche Vor- und Nachteile die Selbstständigkeit hat. In seinem Berufsleben hat er sie erlebt. Seine Firma hatte schon über 100 Mitarbeiter, heute sind es 28. "Im Speditionsgewerbe geht es auf und ab. Früher hatten wir einen Stückgutvertrag mit der Deutschen Bahn, heute gibt es den Güterbahnhof gar nicht mehr", blickt er zurück.

Dafür kam ein Vertrag mit Peugeot , dann verlagerte der Autohersteller den Standort. Heute lebe die Spedition unter anderem von Umzügen oder von ihren Lagerflächen, die von BMW genutzt würden. Und so sei das Speditionsgewerbe typischerweise mit Hochs und Tiefs verbunden, was die ganze Branche kennzeichne.

Deren Probleme kennt er bestens. Schneider war Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) bis 2014 und Mitglied der IHK-Vollversammlung, sowie Funktionär im Landesverband des Verkehrsgewerbes. Alle diese Ämter hat er auslaufen lassen: "Seitdem habe ich mit dem Beruf nichts mehr zu tun. Ich gehe auch nicht mehr in die Firma, denn die Nachfolger müssen sich freischwimmen können", sagt er und sieht die Spedition auf gutem Weg. Ein Jahr des Betriebsübergangs und eine längere Vorbereitung habe ihm den Prozess erleichtert. "Ich hatte mir aber nie ein Hobby aufgebaut", sagt er heute. Ziele? Habe er keine.

Den Ruhestand widme er sich und seiner Frau, der Ferienwohnung und dem Zuhause. Dort hat er Hunderte Fotos, die er sortieren will. Und schon hat er wieder ein Album zur Hand mit Erinnerungsstücken aus der Spedition. "Ich bin rückblickend sehr zufrieden", sagt er dann und schaut nachdenklich aus dem Fenster.