Patente Faser zwischen Tradition und Wandel

Feine Damenstrümpfe machen Frauenbeine erotischer. Zu verdanken hat die Welt die synthetische Beinfaser einem Amerikaner. Mitte der 1930er Jahre entdeckte Wallace Hume Carothers das Nylon, eine vollsynthetische Faser aus Polyamid 6.6, die der Chemie-Konzern Du Pont vor 75 Jahren, am 16. Februar 1937, zum Patent anmeldete. Nylon war die erste Faser, die vollständig synthetisch hergestellt wurde

Feine Damenstrümpfe machen Frauenbeine erotischer. Zu verdanken hat die Welt die synthetische Beinfaser einem Amerikaner. Mitte der 1930er Jahre entdeckte Wallace Hume Carothers das Nylon, eine vollsynthetische Faser aus Polyamid 6.6, die der Chemie-Konzern Du Pont vor 75 Jahren, am 16. Februar 1937, zum Patent anmeldete. Nylon war die erste Faser, die vollständig synthetisch hergestellt wurde. Fein und reißfest, damit konnten Frauen der teuren Kunstseide Adieu sagen. 1938 zog der deutsche Chemiker Paul Schlack nach und entwickelte für IG Farben aus Polyamid 6 das Perlon. Aber weder Amerikaner noch Deutsche konnten die Fasern nach dem Zweiten Weltkrieg ausreichend produzieren. Und so musste sie manche Dame für ein Monatsgehalt auf dem Schwarzmarkt kaufen oder mit Tinkturen wie "Strumpf-Zauber" die Naht auf das Bein malen. Nylon wurde bald vom Produkt zum Synonym für feinen Damenstrumpf.Heute aber steckt nur noch wenig Nylon im Strumpf: Der Hauptteil ist aus nachgebendem Elasthan. Die feinen Strumpfwaren sind längst leicht aufzutreibende Massenware geworden. Und ein unverzichtbares Accessoire: "Halterlose Strümpfe muss man als Frau einfach haben und tragen. Ich glaube, jeder Mann steht noch darauf", sagt Inge Hartung, Filialleiterin des Saarbrücker Hunkemöller-Geschäfts. Nach der Erfahrung von Christa Lorenz, Verkäuferin in der Strumpfwarenabteilung vom Saarbrücker Kaufhof, hat sich die Zielgruppe der halterlosen Strümpfe verändert: "Als die Halterlosen Anfang der 70er Jahre aufkamen, hatten sie die Spitze am Oberteil noch nicht und wurden eher von älteren Frauen gekauft." Heute seien sie bei Jüngeren gefragter, auch weil sie die Halterlosen bequemer als Strumpfhosen fänden. Aber damit die zwei Reihen Silikon unter der Spitze ihren Dienst tun können, sollte Frau die Beine nicht eincremen: "Sonst rutschen die Strümpfe auf der glatten Haut", sagt Lorenz. Weder Strümpfe noch Leggings aber haben ihrer Meinung nach der Strumpfhose den Rang abgelaufen, obwohl besonders Leggings bei jungen Frauen im Kommen seien.

Die Farbwahl fällt klassisch aus, auch wenn in der Strumpfwarenabteilung während des Karnevals öfter rot nachgefragt wurde: "Hautfarben und schwarz sind bei Strumpfhosen am meisten gefragt. Bei uns sind die Frauen nicht so modisch, dass sie die bunten tragen", sagt Lorenz.

Wie die Farben ist auch das Material Geschmackssache: Während Christa Lorenz findet, dass sich Elasthan-Strümpfe schöner ums Bein legen, schwört Karin Clarenbach auf echte Nylonstrümpfe aus 100 Prozent Nylon, samt Sohle mit Naht und Rand. "Echte Nylons haben eine Naht von der Herstellung und glänzen weniger. Unangezogen schimmern sie grau, angezogen sehen sie pudrig aus", erklärt Clarenbach, Inhaberin von Karins Dessous-Boutique, und schwärmt, "solche Strümpfe trägt man nur für sich". Denn echte Nylons gäben der Frau ein erotisches Gefühl. In Haltbarkeit und Preis entsprächen sie den modernen Elasthan-Strümpfen. Bis vor einigen Jahren führte Clarenbach die echten Nylons in ihrem Laden, doch sie sind vielen Kundinnen zu unbequem. Weil ein echter Nylonstrumpf ohne Pumps am Knöchel Falten schlägt und den Strapsgürtel leicht nach unten zieht, bis dieser unter einem Minirock sichtbar wird. Die Tatsache, dass an vielen Frauenbeinen Elasthan glänzt und kein echtes Nylon prangt, bedauert die 57-Jährige: "Da geht ein Stück Kulturgut verloren, früher zelebrierte man das Strumpfanziehen."

Damenstrümpfe spiegeln auch Wandel und Tradition wider: So wie Nylon und Perlon die teure Seide abgelöst haben, wurden sie von Elasthan verdrängt; der Laufmaschenstopp hat das Maschenheben überflüssig gemacht, das früher Schaufensterbetriebe als Alltagsreparatur anboten. Strumpfhalter sind dank Silikon kein Muss mehr und Tigerfelloptik oder modellierendes Bauchteil peppen heute die Figur auf. Geblieben ist Denier, die Maßeinheit auf den Verpackungen. Denier gibt das Gewicht des verarbeiteten Garns auf 9000 Meter Länge an. Bei einem 20 den Strumpf wiegen 9000 Meter des Garns also 20 Gramm. "20 Denier ist die normale Stärke, ab 40 sind sie blickdicht, eine Winterstrumpfhose hat 50 bis 60 den", erklärt Lorenz aus dem Kaufhof.

Hintergrund

Wallace H. Carothers erfand mit Nylon die erste vollständig synthetisch hergestellte Faser aus Kohlenstoff, Wasser und Luft. Am 16. Februar 1937 meldete der amerikanische Konzern Du Pont Nylon zum Patent an. 1938 kamen die ersten Nylon-Produkte auf den Markt. Der Nylonstrumpf selbst wurde 1939 erstmals auf der New Yorker Weltausstellung präsentiert, am 15. Mai 1940 gingen die ersten Nylonstrümpfe über amerikanische Ladentische. Und das mit unglaublichem Erfolg: Innerhalb weniger Stunden wurden vier Millionen Paar verkauft. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die heiß begehrten Nylonstrümpfe schließlich auch in Deutschland zu haben. Das deutsche Pendant von 1938 hieß Perlon, 1959 patentierte die DDR ihrerseits die Kunstfaser Dederon. evy/sop