„Ohne Druck von Ich + Ich“

Mit Annette Humpe und dem Duo „Ich + Ich“ feierte Adel Tawil große Erfolge. Kürzlich hat der Berliner mit ägyptisch-tunesischen Wurzeln mit „Lieder“ das erste Solo-Album seiner 17-jährigen Karriere veröffentlicht. Am 9. April, 20 Uhr, gastiert der Musiker in der Saarlandhalle. SZ-Mitarbeiter Marko Völke sprach mit Tawil.

Wollten Sie Ihr erstes Solo-Album nicht früher veröffentlichen?

Tawil: Das war ja schon seit zehn Jahren immer geplant, aber ich wollte mir einfach die Zeit nehmen, die es braucht, und habe mich auch nicht hetzen lassen. Klar, die Plattenfirmen wollen immer relativ schnell ein Album haben. Aber ich brauchte einfach die Zeit, um mir selbst klar zu werden, was ich machen will und dann die Songs zu schreiben. Zudem habe ich hauptsächlich alles selber produziert und federführend gemacht, was mir bei meinem ersten eigenen Album auch wichtig war. Deswegen hat das einfach ein bisschen gedauert. Aber so kann ich über nichts mehr meckern, bin zufrieden und glücklich mit dem Ergebnis.

Stimmt es, dass Sie bei Ihrem Solo-Album eine gewisse Unsicherheit verspürt haben?

Tawil: Ja, das war wirklich eine Hürde für mich, ein eigenes Album zu machen. Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe. Man weiß es halt nie. Natürlich haben die Leute automatisch den Vergleich zu ‚Ich + Ich'. Das Album ist für mich quasi eine Weiterführung. Ich war am Ende auch schon alleine und habe viel selber gemacht. Von daher war es natürlich doppelt so schön, dass dann jetzt so persönliche Songs so gut ankommen - damit habe ich auch nicht gerechnet.

In Ihrer Karriere hat es viele Höhen und Tiefen gegeben. Welche Lehre haben Sie aus den dunklen Kapiteln gezogen?

Tawil: Als ich keine Wohnung mehr hatte und im Studio in einem Industrieviertel gelebt habe, wo keine Menschenseele auf der Straße rumläuft, dachte ich mir irgendwann: Ich war überall auf den großen Bühnen und den Titeln der Zeitschriften und jetzt bin ich hier in der Gesangskabine in einem kleinen Studio in Berlin-Reinickendorf. Das kann es doch nicht gewesen sein. Das war so ein Augenblick, wo ich selbst beschlossen habe, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen werde und weiter kämpfe, bis ich wieder da bin, wo ich aufgehört habe. Das Leben gibt dir schon mal eine Prüfung. Ich habe so lange weiter gemacht, bis es Schritt für Schritt besser wurde. Und mit Annette war das dann natürlich ein Traum. Ansonsten würde ich jetzt wahrscheinlich als Kellner bei meinem Vater im Restaurant arbeiten.

Annette Humpe hat auch auf Ihrem Album ein bisschen mitgearbeitet. Als "Ich + Ich" eine kreative Pause angekündigt haben und Sie solo weitermachen wollten, dachten dagegen viele, das sei das Ende Ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit …

Tawil: Ja, das Problem ist natürlich, dass viele das dachten. Aber wir haben uns weder gestritten, noch sonst sind wir irgendwie auseinander gegangen. Wir haben einfach nur gesagt: ‚Wir wollen jetzt nicht direkt ein weiteres Album hinterher machen.' Einfach, weil schon viel gesagt und viele Themen angesprochen worden sind. Da muss man auch selber ein bisschen Abstand gewinnen, sich etwas zurücknehmen, das Projekt betrachten und sagen: So und so machen wir weiter. Deswegen war es völlig normal, dass wir erst mal eine Pause einlegen. Ab und zu sitzen wir jetzt zusammen und überlegen, wenn wir was machen, wie es sein könnte. Für Annette war wichtig, dass sie bei dem Album gar nicht viel zu machen brauchte. Sie konnte ohne die Verantwortung zu tragen einfach ihren Senf dazu beigetragen, hatte auch Spaß. Sie konnte einfach mal so einen Song schreiben, ohne den Druck von "Ich + Ich" zu haben. Deswegen war das Album eine richtig tolle Zusammenarbeit.