Nobbi und der sprechende Tumor

Saarbrücken. Unter dem Projektnamen "Thunis v.02" baut Thunis (Theater der Universität des Saarlandes) seine neue Linie mit postdramatischen Stücken junger deutschsprachiger Autoren weiter aus. In diese Kategorie fällt auch "Zwei Brüder drei Augen" der Dramatikerin Nora Mansmann, das am Dienstag in der Uni-Aula Premiere hatte

Saarbrücken. Unter dem Projektnamen "Thunis v.02" baut Thunis (Theater der Universität des Saarlandes) seine neue Linie mit postdramatischen Stücken junger deutschsprachiger Autoren weiter aus. In diese Kategorie fällt auch "Zwei Brüder drei Augen" der Dramatikerin Nora Mansmann, das am Dienstag in der Uni-Aula Premiere hatte. Es ist das dritte abendfüllende Stück der 1980 geborenen Autorin; entstanden während der Spielzeit 2006/ 07 im Rahmen des Autorenlabors am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo es im vergangen Jahr als bestes Stück ausgezeichnet und im Mai 2008 uraufgeführt wurde. Eine groteske Endzeit-Farce, eine anarchisch-apokalyptische Satire mit dem autistischen Personal eines durchgeknallten Fantasyromans.

Eine gemeinsame Wohnung als letzte Insel der Seligen teilen sich die Hermaphroditin Frotzi (zwischen naiv und durchtrieben: Stefanie Ulrich), ihr verblödeter, dreiäugiger Bruder Wowa (überzeugend tumb: Florian Schmehr), den Horror-Visionen daran hindern, die Wohnung zu verlassen, sowie ihre im Halbzeitkoma dahin vegetierende Oma - "gespielt" von einer Puppe. Richtig kompliziert wird's, als Frotzi sich in den von körperlichen Mutationen gequälten Werwolf Nobbi (ausdrucksstark und komisch: Erhard Notz) verliebt und dieser bei den Geschwistern einziehen will.

Nobbi hat einen sprechenden Tumor namens Stalin (hübsch trocken: Jessica Jaeger), der als Über-Ich Besitz von ihm ergreift. Und dann ist da noch seine Freundin Gelantine (anrührend: Yvonne Flory), eine unentwegt von Revolutions-Fantasien bewegte Wasser-Morphende.

Keine schöne Welt, die Mansmann da entwirft: Fast jeder dieser Kommunikationskrüppel ist auf Medikamente angewiesen, um nicht zu metastasieren - die Arzneien liefert der klinisch gestylte Pizzamann (Tim Stefaniak, auch Regie), bezahlt wird mit lieblosem "Ficken". Und statt zu kurieren, strebt die Ärztin Dr. Foxy (wunderbar überspannt: Melanie Kucharczyk) mit Hilfe eines Krebsgeschwürs die Weltherrschaft an.

Stefaniak wählte eine textgetreue Umsetzung, beschallt die in grelle Metaphern verpackte Kritik an Pharmaindustrie und Gesundheitssystem mit Songs der rebellischen 1960er-Jahre und platziert eine Erzählerin (schön schnippisch: Anna Schmidt) nebst heimeliger Stehlampe seitlich der bis auf wenige Requisiten nackten Bühne - ein gelungener ironischer Kommentar. Mutig. Differenziert gespielt. Kein Kuscheltheater. Und auch wenn die Thunisier mit der schwierig zu bespielenden, weil großen Aula gut zurecht kommen - es wäre schön, wenn endlich wieder der offenbar in Endlos-Renovierung befindliche Theatersaal zur Verfügung stünde.

Wieder: 22., 24. und 26. November, je 19.30 Uhr. Ermäßigte Karten im Foyer der Mensa oder unter Tel. (0681) 93815596.