Nichts für zarte Ohren

Saarbrücken · Guten Willen brauchte man als Zuschauer bei der Uraufführung „Verlorenes Ich“ im Kleinen Theater im Rathaus. Viele, die eines der üblichen Figurentheater erwartet hatten, gingen vorzeitig. Aber auch Freunde experimentellen Puppenspiels waren nicht immer überzeugt von dem, was Elodie Brochier und ihre Mitspieler aufführten.

 Deutungsschwangeres Maskenspiel: Elodie Brochier und ihre freie Gruppe „operieren“ aus Gottfried Benn auf dem OP-Tisch allerlei Texte heraus. Foto: Krämer

Deutungsschwangeres Maskenspiel: Elodie Brochier und ihre freie Gruppe „operieren“ aus Gottfried Benn auf dem OP-Tisch allerlei Texte heraus. Foto: Krämer

Foto: Krämer

Doppelte Überraschung für Fans des Kleinen Theaters im Rathaus: Zum einen waren viele Zuschauer verblüfft, weil sie keinen Eintritt zahlen mussten, denn die Uraufführung "Verlorenes Ich" lief nicht nur im Programm der Puppenbühne im Ratskeller, sondern auch im Rahmen der - gründsätzlich eintrittsfreien - Saarbrücker Sommermusik. Und daher war hier eine Veranstaltung zu erleben, die mancher konservativen Erwartungshaltung zuwiderlief - etliche Zuschauer gingen vorzeitig.

Aber auch Freunde experimenteller Performances mussten bisweilen guten Willen aufbringen bei dieser multimedialen Inszenierung, die nicht auf voller Länge überzeugte. Ein freies Ensemble um die Puppenspielerin und Musikerin Elodie Brochier (Puppen, Rezitation , Aktion, Gesang, Akkordeon) und den Performer und Musiker Geoffroy Muller (Konzeption, Trompete, Aktion) widmete sich einem (Alb-)-"Traum im Leben von Gottfried Benn ", dem Motto gebenden Dichter der diesjährigen Sommermusik. Es ist bezeichnend - sowohl für das hier um Frank Krämer (Aktion, Rezitation ) verstärkte französische Performer-Duo wie für die Lyrik Benns -, dass vieles kryptisch verschlüsselt und nicht eben selbsterklärend daherkam. So die Filmeinspielung (Video und Schnitt: Jean Birkel) mit den barbusigen, rauchenden Frauen als Protagonistinnen von Benns wirrem Liebesleben und dem von Muller verkörperten Dichter selbst, der - mit ausgefranster Halbmaske, den Mund zum stummen Schrei aufgerissen - umherirrt und seiner eigenen Beerdigung assistiert.

Oder der mit grünen OP-Tüchern abgehängte Bühnenaufbau als Anspielung darauf, dass Benn Arzt war. Hier landete der Mediziner und Dichter in Form einer aus Manuskriptseiten gefertigten Puppe selbst auf dem Seziertisch: Aus seinem geköpften Leib wurden von geheimnisvollen Maskenträgern Prosa und Lyrik herausoperiert, die verschiedene Ich-Befindlichkeiten reflektierten.

Großartig die teils elektronisch verfremdete Schlagzeugbegleitung durch Karl F. Degenhardt; weniger glücklich eine langwierige Passage mit teils laienhafter Textrezitation. Zur emotionalen Herausforderung geriet eine kalkulierte Kakophonie aus Live-Klängen und Geräusch-Zuspielung, deren quälende Lautstärke erneut Zuhörer in die Flucht schlug. Wer ausharrte, wurde mit einem wunderbaren Liedbeitrag mit ausgedehnter jazziger Improvisation belohnt: Bei "Valse triste" offenbarte Brochier, die zuvor mit Techniken des Obertongesangs beeindruckt hatte, überragende Qualitäten als Ausdruckssängerin. Eine ganz eigene Komik besaß dann das Finale, bei dem via Tonband der Dichter selbst zu Wort kam, während das Ensemble schweigend abbaute und das Publikum ratlos bis amüsiert zuschaute.

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