Neues Lebensgefühl durch eine neue Heimat

Völklingen · Seit dem Start vor 19 Jahren hat das Völklinger Zentrum für Psychiatrische Familienpflege etwa 120 chronisch psychisch Kranke in Gastfamilien vermittelt. Das „Begleitete Wohnen in Familien“ richtet sich an Menschen, deren akute Krankheitsphase abgeklungen ist, die aber zur Bewältigung des Alltags noch Unterstützung brauchen.

 Eva und Günter Merten haben zwei Damen bei sich aufgenommen: Annette Gramm und Marie Luise Mörsdorf (1. und 2. v. l.) fühlen sich in ihrem neuen Zuhause sehr wohl. Foto: Schmitt/SHG

Eva und Günter Merten haben zwei Damen bei sich aufgenommen: Annette Gramm und Marie Luise Mörsdorf (1. und 2. v. l.) fühlen sich in ihrem neuen Zuhause sehr wohl. Foto: Schmitt/SHG

Foto: Schmitt/SHG

Marie Luise Mörsdorf kann sich genau erinnern, wann sie bei Günter und Eva Merten eingezogen ist. Am 15. Oktober 2008 begann ihr neuer Lebensabschnitt. Vor fünf Jahren hat auch Annette Gramm bei Mertens in Obersalbach ein neues Zuhause gefunden. "Das Zusammenleben klappt wunderbar, wir sind eine richtig große Familie", sagt Eva Merten. Jeder Gast hat ein eigenes Zimmer. Man hilft sich gegenseitig und überlegt gemeinsam, was gekocht wird.

Um das Abendessen braucht sich das Quartett am Freitag keine Gedanken zu machen. Beim Frühjahrsempfang im Kongresszentrum der Völklinger SHG-Kliniken verwöhnt das Familienpflegeteam seine rund 80 Gäste mit einem reichhaltigen Menü. Rheinischer Sauerbraten, Hähnchensteak und Nudelvariationen stehen auf der Speisekarte.

Bevor das Büfett eröffnet wird, erläutert Dr. Claudia Birkenheier, die Leiterin des Zentrums für Psychiatrische Familienpflege, die Grundidee der Eingliederungshilfe. "Chronisch Kranke finden unter adäquater Therapie bei Gastfamilien eine neue Heimat", erklärt die Chefärztin.

Die Familien, die ein monatliches Entgelt erhalten, bieten einen strukturierten Tagesablauf und schaffen Geborgenheit. Der krank machende Stress nimmt ab, fast alle Gäste werden in regelmäßige Beschäftigung vermittelt. Manche schaffen nach zwei Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit, andere bleiben bis an ihr Lebensende. Das aktuell längste Familienpflegeverhältnis besteht seit über 15 Jahren. Das "Begleitete Wohnen in Familien" fördert nicht nur die Gesundheit, es rechnet sich auch für die öffentlichen Kassen: Die vollstationäre Pflege ist drei Mal so teuer wie die Betreuung in der Familie.

Saar-Gesundheitsminister Andreas Storm (CDU) und Regionalverbandsdirektor Peter Gillo (SPD) danken dem Team und den Familien. Storm spricht von einer "enormen Erfolgsgeschichte", Dr. Birkenheier sieht in der Familienpflege den "absoluten Königsweg". Der Medikamentenbedarf nimmt ab, die Zahl der stationären Behandlungstage sinkt um rund 87 Prozent. In 19 Jahren gab es keinen schweren Suizidversuch.

Zurzeit betreut das fünfköpfige Familienpflegeteam etwa 30 Gäste. Verläuft deren erster Kontakt mit den Gastgebern positiv, bietet ein Probewohnen beiden Seiten die Gelegenheit, sich näher kennen zu lernen. Gemeinsam entscheidet man, ob es zu einem Familienpflegeverhältnis kommt.

Nicht für jede Familie findet sich direkt der passende Gast. Die Chemie muss stimmen. So wie bei Familie Merten und ihren Mitbewohnerinnen Marie Luise Mörsdorf und Annette Gramm. Beide Gäste versichern: "Ich möchte nicht mehr weg."

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Auf einen BlickDas Zentrum für Psychiatrische Familienpflege ist den Völklinger SHG-Kliniken angegliedert. Der Einzugsbereich umfasst den Regionalverband Saarbrücken sowie die Landkreise Merzig-Wadern und Saarlouis. Das "Begleitete Wohnen in Familien" ist eine Maßnahme der Eingliederungshilfe, sie wird über das Landesamt für Soziales finanziert. Kontakt: Tel. (0 68 98) 12-24 58. tan

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