Neuanfang mit über 40: Frau startete durch

Foto: MaurerSaarbrücken. Ludmilla Vlasova (52) strahlt. Der Grund ihrer Freude: Sie ist mittlerweile sie deutsche Staatsbürgerin. Dass sie dafür ihren ukrainischen Pass abgeben musste, stört sie. Gerne wäre sie Doppelstaatlerin geworden, sagt sie, "doch die Ukraine erlaubt das nicht". Ihre Heimat ist heute aber Deutschland

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Saarbrücken. Ludmilla Vlasova (52) strahlt. Der Grund ihrer Freude: Sie ist mittlerweile sie deutsche Staatsbürgerin. Dass sie dafür ihren ukrainischen Pass abgeben musste, stört sie. Gerne wäre sie Doppelstaatlerin geworden, sagt sie, "doch die Ukraine erlaubt das nicht". Ihre Heimat ist heute aber Deutschland. "Ich kam mit meinen zwei Söhnen 2002 ins Saarland. Jetzt bin ich hier zuhause. Ich will mich mit allen Rechten und Pflichten in unserer Gesellschaft beteiligen", sprudelt es aus der Erzieherin heraus. Ihr Deutsch ist fehlerfrei, nur ein kleiner russischer Akzent färbt einige Wörter ein: "Eineinhalb Jahre habe ich als Ein-Euro-Jobberin beim Deutsch-Ausländischen Jugendclub gearbeitet. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich nicht auch einen Sprachkurs für junge Ausländer übernehmen könnte. Natürlich konnte ich. In meiner Heimatstadt Odessa war ich jahrelang Lehrerin für Literatur und Russisch."

Noch mehr als ihr Pädagogikstudium, beschreibt sie, hilft ihr das "Verständnis für andere Ausländer", denn sie "war selbst in der gleichen Situation. Kein Fremdsprachler versteht, warum der weibliche Artikel im Dativ plötzlich männlich ist." Die Neudeutsche überlegt und sagt: "Ein Beispiel: Der Frau ist kalt." Vlasova schüttelt den Kopf und schmunzelt: "Das muss man erst mal kapieren. Ich habe dann Eselsbrücken gebastelt und erklärt, das sei ein Zeichen dafür, dass Frauen immer stärker werden und es mit den Männern jederzeit aufnehmen können."

An ihrer eigenen Stärke zweifelte sie nie: "Ich wollte etwas aus meinem Leben machen. In der Ukraine kam es oft vor, dass ich monatelang auf mein Gehalt wartete. In dem Land ist die Korruption groß, der Alltag chaotisch. Mich bedrückte die Unsicherheit. Meine Söhne Alexander und Artem waren damals 13 und zehn Jahre alt. Ich wollte, dass sie in einem besseren Land aufwachsen." Vlasova lässt sich von dem Vater ihrer Söhne scheiden, "die Ehe war am Ende" und wagt mit 40 Jahren einen Neuanfang. "1988 bereiste ich das erste Mal Deutschland. Damals war das noch die DDR. Wir waren in Leipzig, in Dresden und ich habe mich sofort in das Land verliebt." Jahre später erhält sie den Flüchtlingsstatus in Deutschland. Ihr Diplom als Lehrerin wird hier nicht anerkannt, doch das entmutigt sie nicht. Im Gegenteil. Sie besucht Integrationsmaßnahmen an Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) und entdeckt ihre Chance: "Ich habe an der Volkshochschule (VHS) einen Vorbereitungskurs für den Beruf der Erzieherin mitgemacht. Das war genau mein Ding. Ich liebe es, Menschen etwas beizubringen."

Während ihrer Ausbildung besteht sie "16 Prüfungen", erinnert sie sich. Seit Mitte 2010 ist sie staatlich anerkannte Erzieherin. "Die Arbeit mit behinderten Menschen bereitet mir sehr viel Freude", sagt sie, "mein Leben hier ist so ausgefüllt, dass ich keine Zeit für Kummer habe". Auch die Liebe hat die 52-Jährige in Deutschland wiedergefunden. "Ich bin seit sieben Jahren mit einem Deutschen zusammen." Und noch etwas hat sie gelernt: "Vor einem Jahr habe ich meinen Autoführerschein gemacht." Man muss das Leben anpacken, sagt sie. "Alles, was man erlebt, sind Erfahrungen. Vor Neuem hatte ich noch nie Angst." ceg

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