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Nervenärzte: Patienten-Versorgung gefährdet

Saarbrücken. Wenige Zahlen machen das Ausmaß des Problems deutlich: Jeder 18. Saarländer geht wenigstens einmal alle drei Monate zum niedergelassenen Nervenarzt, Neurologen oder Psychiater. Was bedeutet: Über 55 000 Patienten werden von diesen rund 70 Ärzten im Quartal behandelt. "Und unsere Patienten kommen nicht wegen eines Schnupfens", sagt Dr Von SZ-Redakteur Oliver Schwambach

Saarbrücken. Wenige Zahlen machen das Ausmaß des Problems deutlich: Jeder 18. Saarländer geht wenigstens einmal alle drei Monate zum niedergelassenen Nervenarzt, Neurologen oder Psychiater. Was bedeutet: Über 55 000 Patienten werden von diesen rund 70 Ärzten im Quartal behandelt. "Und unsere Patienten kommen nicht wegen eines Schnupfens", sagt Dr. Helmut Storz, Vorsitzender der Landessektion des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN). Menschen, die zu dem Neunkircher Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder einem seiner Kollegen gehen, sind häufig schwer krank. Es sind Demenz-Patienten, Menschen mit Multipler Sklerose oder solche, die unter Depressionen leiden. Patienten, für die der Arzt viel Zeit braucht. Stattdessen aber nötige das derzeitige Honorierungsystem die Mediziner zur "Fließbandarbeit", moniert der Saarbrücker Arzt für Nervenheilkunde, Dr. Friedhelm Jungmann. Wolle man seine Praxis halbwegs wirtschaftlich führen, seien nicht nur 60-Stunden-Wochen die Regel, man müsse auch möglichst viele Patienten "durchschleusen". Das seit Jahresbeginn gültige, umstrittene Abrechnungssystem setze da "völlig falsche Anreize".Zunächst mal ist das ein ökonomisches Problem. Was das für den Arzt bedeutet, macht Storz an einem Beispiel deutlich. Demnach bekomme ein Nervenarzt 47,88 Euro pro Patient und pro Quartal als Vergütung. Ganz gleich, wie oft der Kranke in die Praxis kommt. Für ein Erstgespräch mit einem Patienten könne der Arzt 26,25 Euro abrechnen. Komme dazu noch eine Hirnstrommessung (EEG), eine übliche Untersuchung, mache das weitere 24,85 Euro. Womit das Quartalsbudget pro Kopf bereits erschöpft ist. Alle weiteren Behandlungen dieses Patienten im Quartal nehme der Arzt quasi kostenlos vor, sagt Storz, "die Selbstausbeutung" sei einkalkuliert. Und das gehe so schon seit Jahren. Man hangele sich in puncto Honorierung "von einem Provisorium zum anderen", kritisiert Jungmann. Dabei sei die Lösung einfach, eine Abrechnung nämlich nach der tatsächlich geleisteten Arbeit, "so wie man bei einem Handwerker ja auch das bezahlt, was er macht".


Diese finanzielle Problem nun habe weitreichende Folgen. So geht es den niedergelassenen Nervenärzten vordringlich nicht um ihr persönliches Einkommen (tatsächlich rangieren sie wie die Hausärzte ganz unten in der Verdiensttabelle der Ärzteschaft). Sie sorgen sich um ihre Patienten. Deren Zahl nehme einerseits beständig zu. Eine Umfrage unter den 61 Nervenärzten, die der BVDN Saar vertritt, ergab etwa, dass Patienten, die nicht als Notfall kommen, vier bis fünf Wochen auf einen Termin warten müssen. "Gleichzeitig wollen immer weniger junge Kollegen eine Praxis übernehmen" erklärt Sigrid Heisel, Ärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in St. Ingbert. Der Altersschnitt bei den Nervenärzten im Saarland liegt bei 53 Jahren, für die Medizinerin im Vorstand des Saar-BDVN alarmierend hoch.

Zwar sei dieser Altersschnitt zum Teil der langen Ausbildung geschuldet, doch es herrsche auch "tiefe Verunsicherung", sagt Helmut Storz: "Es gibt keine Planungssicherheit, man weiß nicht, ob man von seiner Praxis leben kann". Die Folge ist, dass immer weniger Nervenärzte bereit sind, eine Praxis zu übernehmen. Sie bleiben in der Klinik, folgen lukrativeren Angeboten im Ausland. Was letztlich zu Lasten der Patienten geht, erklären die Ärzte. "Manche unserer Patienten müssen sehr lange betreut werden", das über Jahre wachsende Vertrauensverhältnis zu einem Arzt sei bei diesen Erkrankungen immens wichtig. Darum sei auch die Klinik, wo Ärzte häufiger wechseln, keine Alternative.



Um auf diese prekäre Situation aufmerksam zu machen, lassen nun alle 54 Neuropsychiater am Mittwoch ihre Praxen geschlossen. "Nicht im Sinne eines Streiks, wir wollen ein Zeichen setzen", so Storz. Darum haben sie bewusst auch ihre Patienten eingeladen - und bieten Vorträge für Interessierte an.

Auf einen Blick

Der Aktionstag der Nervenärzte findet am Mittwoch, 6. Mai, 18 Uhr, in der Saarbrücker Congresshalle statt. Neben einem Bericht der niedergelassenen Neuropsychiater zur Versorgung im Land sind Vorträge zu Depressionen (Dr. Bernd Laufs, Chefarzt der psychiatrischen Abteilung der Klinik Idar-Oberstein) und zu Demenzerkrankungen (Prof. Dr. Matthias Riemenschneider, Uniklinik Homburg) vorgesehen. red