| 19:13 Uhr

Mit Thatchers Tina, Ironie und Blasmusik

David Murgia (vorne) und seine Collectif-Kollegen spielen eine Gruppe von fünf ziemlich schrägen, intellektuellen Radio-Moderatoren. Foto: Chariot
David Murgia (vorne) und seine Collectif-Kollegen spielen eine Gruppe von fünf ziemlich schrägen, intellektuellen Radio-Moderatoren. Foto: Chariot FOTO: Chariot
Saarbrücken. Das Raoul Collectif hat vier Jahre für sein neues Stück recherchiert, verrät David Murgia. Das Ergebnis ist jetzt beim Festival zu sehen. Silvia Buss

Für Schnellschüsse ist das Raoul Collectif nicht zu haben. Fast vier Jahre hat sich die belgische Theatergruppe, die 2014 mit ihrem Erstlingswerk "Le Signal du Promeneur" bei den Perspectives gastierte, Zeit gelassen, um ein zweites Stück zu kreieren.


Und das hat mehrere Gründe. Zum ersten haben die fünf Schauspieler alle einen ziemlich prallen Terminkalender. So wie David Murgia, der auch in Kinofilmen wie "Das brandneue Testament" zu sehen ist, verfolgt jeder von ihnen neben der Collectif-Arbeit noch eigene Projekte.

Zum zweiten, erzählt Murgia, den wir als Gast der Perspectives-Filmreihe im Kino Achteinhalb trafen, habe man vermeiden wollen, beim zweiten Stück irgendetwas zu wiederholen, nur weil es beim ersten gut funktionierte. "In Signal du Promeneur wollten wir vom Individuum erzählen, das allein ist und isoliert", erklärt der Schauspieler.



Deshalb hat sich das Collectif diesmal mit dem Gegenstück befasst: "Was macht eine Gruppe, ein Kollektiv aus? Was bringt Gruppen in eine Krise?" lauteten die Ausgangsfragen, die sich auch auf die Probenarbeit auswirkten.

Treu geblieben ist sich das Collectif insofern, dass es auf der Bühne alles demokratisch mittels Improvisationen erarbeitet. Bei "Rumeur et petits jours" habe aber nicht jeder für sich improvisiert und das dann der Gruppe angeboten. Vielmehr hätten sie beschlossen, alle gemeinsame auf der Bühne zu stehen und loszulegen und das ohne einen Regisseur, der von außen drauf sieht. "Das ändert alles, denn wir waren gezwungen, ständig zu fünft zu agieren, dafür braucht man viele Stunden Improvisationen, von denen man nur wenige zurückbehält", sagt Murgia.

Wenn das Raoul Collectif auf der Bühne auch schräg und skurril, mit viel Humor spielt, so habe es doch mehr im Sinn, als sich einen Jux zu machen. "Zu unseren Obsessionen", gesteht Murgia, "gehört der Liberalismus als dominierende Ideologie".

Bevor es an die konkrete Probenarbeit ging, haben sich die Fünf drei Jahre lang Gedanken gemacht, diskutiert und Bücher über politischen Strömungen und Gruppierungen des 20. Jahrhunderts studiert.

Sie stießen dabei auf die "Situationistische Internationale", eine linke Gruppierung um den französischen Intellektuellen und radikalen Kapitalismuskritiker Guy Debord, Autor des bis heute einflussreichen Buchs "Die Gesellschaft des Spektakels".

"Die Gruppe hatte sich in den 60er Jahren gebildet, um das Leben und die Beziehungen neu zu entwerfen, bevor sie sich selbst zerfleischte," sagt Murgia. "Wir haben uns gefragt, welche Gewalt muss da aufgetreten sein, um ein so großes Vorhaben zu zerstören".

Dann hätten sie herausgefunden, dass auch der heutige Individualismus von einer Gruppe erdacht worden sei. Es handele sich um die Mont Pelerin Society um den Österreicher Friedrich von Hayek, eine Art früher Think Tank, der nach dem Krieg den Neoliberalismus vorangetrieben habe, sagt Murgia. Diese Gruppe sei Wegbereiter für Maggie Thatcher und ihren Slogan "There's no alternative", kurz: Tina gewesen.

Und noch eine dritte Gemeinschaft erregte das Interesse des Raoul Collectifs: die Huicholen, eine indigene präkolumbianische Ethnie. Diese haben die Fünf sogar in Zentral-Mexiko besucht. All das sei aber nur das dramaturgische Unterfutter für das, was der Zuschauer auf der Bühne erlebe, betont Murgia.

Da gehe es dann um eine intellektuelle Radio-Crew, die erfährt, dass ihre Sendung eingespart werden soll und sich streitet, ob sie weiter sie über die Schönheit debattieren oder alles kurz und klein schlagen soll. Viele intellektuelle Anspielungen und Zitate kämen vor, aber auch Thatchers "Tina" aus Fleisch und Blut und die Wüste.

Auch werde nicht nur geredet, es gebe auch viel Humor und Action, sagt Murgia und wendet sich dann mit der Bitte um einen Kommentar nun an seine Freundin. "Das Stück entwickelt sich in alle Richtungen, und manchmal macht es sich über sich selbst lustig", sagt die. Murgia strahlt: "Sie ist einfach genial, sie kann die Dinge immer auf den Punkt bringen."

Zum Thema:

"Rumeur et petits jours" mit dem Raoul Collectif ist im Rahmen des Festivals Perspectives am Samstag, 3. Juni, 21 Uhr, und Sonntag, 4. Juni, 20 Uhr, in der Alten Feuerwache zu sehen. Karten im Vorverkaufsbüro des Festivals in der Fürstenstraße 5-7 (gegenüber Seiteneingang Karstadt), Tel. (06 81) 93 86 35 36. www.festival-perspectives.de

David Murgia bei seinem Besuch im Kino Achteinhalb. Foto: Buss
David Murgia bei seinem Besuch im Kino Achteinhalb. Foto: Buss FOTO: Buss